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liegend kalt, aber höflich empfing. Ja, er hatte das Stück allerdingserhalten, auch gelesen, aber schon wieder abgegeben. Also zurück zurZensurstelle. Neuer Kreislauf, neue Ungewißheit, zuletzt Verschwindenaller weiteren Spur. Niemand wußte, wo das Stück hingekommen!
Da befand sich eines Tages die regierende Kaiserin Karoline Augustenicht wohl und bat den Dichter Matthäus von Collin, ihr Bücher zurLektüre während ihres Stubenarrestes vorzuschlagen. Er nannte ihreinige Werke, die sie aber bereits kannte. „Gehen Sie doch zurTheaterdirektion", sagte sie ihm schließlich, „und fragen Sie an, obnicht irgend ein interessantes Manuskript vorliege; bei der künftigenAufführung werde ich es mit doppeltem Anteile sehen." Collin gehtzur Theaterdirektion und erfährt, daß nichts als unbedeutende Bluettenda seien, die erst durch die Aufführung Wert bekommen. „KönigOttokars Glück und Ende" von Grillparzer werde allenfalls IhreMajestät interessieren; das liege aber seit zwei Jahren bei der Zensur,und man könne es trotz aller Bemühungen nicht zurückerhalten. Collinnimmt nun seinen Weg zur Zensurhofstelle, und als man dort denZweck der Nachfrage erfährt, ist das Stück augenblicklich gefunden.Collin liest es der Kaiserin vor, und diese ist ganz außer sich vor Er-staunen, daß man solch ein Stück verbieten wolle! In diesem Augen-blick tritt ihr Gemahl ins Zimmer. „Du," sagte die Kaiserin, „warumwird denn der Ottokar von Grillparzer nicht aufgeführt?" — „'s wirdhalt was Staatsschädliches drinnen sein?" meinte der Kaiser. — „ImGegenteil," schrie die Kaiserin, „der größte Schmeichler des öster-reichischen Hauses hätte es nicht anders schreiben können I" — „Nun,wenn's so ist," sagte der Kaiser zu Collin, „so sagen's ihnen, sie sollen'serlauben." So bedurfte es eines Zufalls, um das kostbare Werk einesDichters wie Grillparzer, die Frucht mehrjähriger künstlerischer Ar-beit, nicht überhaupt aus der Welt verschwinden zu lassen.
Ein paar Jahre nach diesem Vorfall fuhr Grillparzer eines Tages vonHietzing nach Wien und kam in dem Gesellschaftswagen zufällig nebeneinem Hofrat der Zensurstelle zu sitzen, der ihm bei mehreren Ge-legenheiten allerlei Freundlichkeiten erwiesen hatte und ihm zeitlebenszugetan blieb. Der Hofrat begann das Gespräch mit der üblichenFrage, warum Grillparzer gar so wenig schreibe? Der Dichter er-widerte, ein Beamter der Zensur müsse den Grund wohl am bestenwissen. „Ja", lachte der Hofrat, „ so seid Ihr Herren! Ihr denkt Euchimmer die Zensur als gegen Euch verschworen. Als Ihr .Ottokar' zweiJahre liegen blieb, glaubten Sie wahrscheinlich, ein erbitterter Feindverhindere die Aufführung. Wissen Sie, wer es zurückgehalten hat?— Ich, der ich, weiß Gott, Ihr Feind nicht bin!" — „Aber, Herr Hof-rat", versetzte Grillparzer, „was haben Sie denn an dem Stück Gefähr-liches gefunden?" — „Gar nichts", war die Antwort, „aber ich dachtemir: man kann doch nicht wissen —!"
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