GRILLPARZER 224
zu haben scheint, daß nichts weiter erfolgte und Schreyvogel seinenZensorposten behielt. „Aber von da an", versichert der Dichter,„glaubte jeder Lump sich an mir reiben, mich angreifen und ver-lästern zu können. Jeder Wunsch und jede Aussicht wurde durch diestehende Formel von oben, ja, wenn er die Geschichte mit dem Papstnicht gehabt hätte (so beliebte man sich auszudrücken), im Keime ver-eitelt, man hielt mich für einen halben Jakobiner und Religionsspötter,und es brauchte der traurigen Ereignisse des Jahre 1848, um die Re-gierung (auf wie lange?) zu überzeugen, daß sie keinen wärmerenAnhänger ihrer Sache, als zugleich der Sache meines Vaterlandes,habe als mich, der zugleich als Mensch und Schriftsteller die gesteiger-ten Ansichten der Poesie und die gemäßigten Anforderungen desLebens sehr gut voneinander zu unterscheiden wisse." —
Der Vorfall hatte noch ein ungarisches Nachspiel. Die in Pest er-scheinende, von dem Grafen Karl Albert Festetics herausgegebeneZeitschrift „Pannonia" druckte aus einem vollständigen Exemplar der„Aglaja" Grillparzers Gedicht ab, ehe noch die Redaktion von demnachträglichen Verbot etwas wissen konnte. Daraufhin sollte auch derOfener Zensor eine .Rüge erhalten; die ungarische Hofkanzlei ver-teidigte ihn aber gegen den Wiener Polizeipräsidenten. Gleichwohlverlor die „Pannonia" dadurch ihre bisherige Unabhängigkeit von derösterreichischen Zensur und mußte, wie alle ausländischen Zeit^Schriften, immer erst der Wiener Zentralbehörde vorgelegt werden, ehesie in Österreich ausgegeben werden durfte. —
Auch in Dresden sah es anfangs mit der Aufführung der „Ahnfrau"bedenklich aus, denn dort war man über alle „delicta carnalia", wieK. A. Böttiger am 4. April 1817 an Schreyvogel schrieb, „entsetzlichkitzlich. Ein Ehebruch begründet die Fabel der Ahnenfrau auf eine fastempörende Weise. Wenn es auch unser Hof nicht sieht, so hört erdoch davon". Und die Schauspielerin Schirmer als Darstellerin derTitelrolle „erschauerte ein wenig ob der Horreurs". Dennoch wurdedas Stück am 18. September dort gegeben und erlebte bis 1862 immer-hin 22 Aufführungen, aber „jedermann schrie gegen dies Ungeheuer",versicherte Böttiger auch nach der erfolgreichen Erstaufführung.
Im Herbst 1823 hatte Grillparzer sein vaterländisches Trauerspiel„Oltolcars Glück und Ende" dem Wiener Burgtheater übergeben, undder ihm gewogene nunmehrige Dramaturg und HoftheatersekretärSchreyvogel freute sich, es sogleich zur Aufführung bringen zu können.Das Stück wurde der Zensurbehörde eingereicht, aber die Antwortließ auf sich warten. Ein Jahr verging — zwei Jahre — nichts rührtesich. Nun wurde der Dichter ungeduldig. Man beruhigte ihn mit derNachricht, das Manuskript sei der Staatskanzlei mitgeteilt worden undbefinde sich in den Händen des Hofrates Friedrich v. Gentz. Grill-parzer ging also zu Gentz, der den unbequemen Frager im Bett