222 GRILLPARZER
in Wien erhielt den Auftrag, gegen den Verstoß der österreichischenZensur Beschwerde einzulegen. Daraufhin wurde das Gedicht aussämtlichen, bei Verlegern, Buchhändlern und Käufern erreichbarenExemplaren herausgerissen, was keine Schwierigkeiten machte, da esden Schluß des Buches bildete. Diese Exekution half aber wenig, denn400 unverstümmelte Exemplare waren längst ins „Ausland" verschickt,und der Skandal gab gerade diesem Gedicht Grillparzers eine Ver-breitung, wie keiner seiner andern Arbeiten. Es kursierte in unzähligenAbschriften, und die unkastrierten Exemplare des Almanachs wurdenvon Sammlern verbotener Bücher zu hohen Preisen erstanden. — Dem-gegenüber berichtet L. A. Frankl in seinen „Erinnerungen", daß derDichter Zacharias Werner, damals Augustinermönch in Wien, „viel-leicht absichtslos in einem Gespräch" das Gedicht Grillparzers denun-ziert habe.
Die darüber bekannt gewordenen Akten wissen jedoch weder etwasvon der Einmischung der bayrischen Regierung, noch von der Denun-ziation Werners, was allerdings die Beteiligung beider Instanzen keines-wegs unbedingt ausschließt. Aus ihnen ergibt sich nur, daß der WienerPolizeipräsident, Graf Sedlnitzky, als er am 16. November 1819 demKaiser seine allwöchentliche Sammlung geheimer Rapporte zustellte,die Mitteilung machte, er habe Grillparzers Gedicht aus der „Aglaja"entfernen lassen, da es „grell und offenbar gegen die Heiligtümer derchristlichen und besonders der katholischen Religion verstoße". DerKaiser billigte sein Vorgehen durchaus und beauftragte ihn, Grill-parzer einen um so strengeren Verweis zu erteilen, als der Dichter dieReise nach Italien in des Kaisers eigenem Gefolge gemacht habe;„ein solches Benehmen verrät eine schiefe Bildung des Verstandes,wenn nicht gar ein verdorbenes Gemüt", war des Kaisers Urteil; gleich-zeitig wurde dem Missetäter bei einem „abermaligen Rückfall" seineEntlassung als k. k. Beamter angedroht.
Auch der Zensor sollte einen Verweis erhalten. Das war aber keinanderer als der Herausgeber Schreyvogel selbst, der sich seit 1816 alsAushilfszensor hatte anstellen lassen, „der guten Sache zuliebe", wieGrillparzer sagt, „um nämlich soviel zum Drucke zu erlauben, alsirgend möglich war" — eine legere österreichische Auffassung, dieauch außerhalb des Kaiserstaates Anhänger warb und fand; das be-schämende Zeugnis dafür ist die Fülle der von Karl Glossy veröffent-lichten literarischen Geheimberichte, die von sogenannten „Konfi-denten", allenthalben in Deutschland verstreuten bezahlten Spionen,an die Wiener Regierung im Vormärz geliefert wurden. Um alsoFreund Schreyvogel nicht in der Klemme sitzen zu lassen, richteteGrillparzer, nachdem er am 29. November seinen Verweis persönlichin Empfang genommen hatte, am I. Dezember eine Rechtfertigungs-schrift an den Polizeigewaltigen, die wenigstens die Wirkung gehabt