2o 5 GLASSBRENNER
GLASSBRENNER, ADOLF (1810—1876).
Glaßbrenner gilt mit recht als Begründer der Berliner Volksliteratur.Scharfer Witz, satirische Anzüglichkeiten sozialer und politischer Art,Derbheiten auf erotischem Gebiet, auch persönliche Bosheiten gehörenzum Wesen dieser Literatur; Anstand, Takt, Rücksichten, Schonung,die dem Volke selbst fremd sind, würden ihr alles Salz entziehen. Dievon Obrigkeits wegen bestallten Wächter über Sitte und Ordnungstehen ihr immer hilflos gegenüber, und je neuer sie ist, um so mehrbefremdet sie. Die von Glaßbrenner geschaffene Berliner Volksliteraturwäre mit Stumpf und Stil ausgerottet worden, wenn die deutschenZensurbehörden des Vormärz die Macht wirklich besessen hätten, andie sie glaubten. ,,Quod non est in actis, non est in mundo", sagt derJurist; aber vieles, was in den Akten rückständiger Behörden nichtleben soll, blüht dafür um so kräftiger in der Welt. So ging es auchmit Glaßbrenner. Doch gehörten froher Wagemut und zäher Trotzdazu, sich durchzusetzen, und wertvolle Kraft wurde in diesem stetenKampf gegen Windmühlen zum Schaden der Literatur verschleudert.Auch Glaßbrenners Humor ging nicht ohne Wunden daraus hervor.
Nach dem Zeugnis seines Schulkameraden Gutzkow zeichnete sichGlaßbrenner schon als Knabe durch eine „immer flügge Lebendigkeitim Räthselaufgeben und Charadenlösen" aus. In solch kindlicher Scharf-sinnsübung wetteiferte damals die gesamte literarische Tagesjournali-stik Berlins. Mit Beiträgen dieser Art sah sich Glaßbrenner 1827 inSaphirs „Berliner Courier" zum erstenmal gedruckt. Das Studiumhatte er bereits aufgegeben, dafür war er zu arm, zu wenig „begabt"und zu widerspenstig. Als Lehrling in einem Seidenwarengeschäft derBreiten Straße gefiel er sich ebensowenig: Prometheus mit der Ellehinter dem Ladentisch. Zur Zeit der Julirevolution 1830 war er jeden-falls schon berufsmäßiger Journalist, vielleicht Mitredakteur des„Courier", den der Verleger Krause nach Saphirs Abgang noch eineWeile fortsetzte. 1831 finden sich Beiträge von ihm im „BerlinerEulenspiegel-Courier", einer der kurzlebigen Journalunternehmungen,mit denen Eduard Maria Oettinger die „aus Saphirs bissigen Zähnenentsprossene Saat" (Gutzkows Urteil) weiterpflegte. Oettinger nanntesich „Hauptredakteur", Glaßbrenner mag sein Redaktionskollege ge-wesen sein. Am 24. Oktober 1831 wurde das Blatt mit schneller Wir-kung ab 1. November verboten. Sofort (3. November) erbat Glaß-brenner vom Polizeipräsidium die Erlaubnis zur Herausgabe einereigenen Zeitschrift „Berliner Don Quichote". Unter den üblichenKautelen („nichts Politisches" usw.) erhielt er sie am 21. November.Anfang Januar 1832 erschien der „Don Quichote" und machte Glück;bald durfte er, statt zweimal, wöchentlich viermal kommen; Glaß-brenner brauchte seiner armen Mutter (Leipziger Str. 78) nicht mehrzur Last zu fallen und quartierte sich im „Hotel de Russie" (Nr. 32)