FREYTAG 202
dagegen gesträubt. „Ein Graf soll eine Gärtnerstochter heiraten ? Inder Wirklichkeit mags leider vorkommen, auf dem Burgtheater nie!"Die Wiener „Komtessenästhetik" triumphierte. 1854 erreichte schließ-lich Laube als Direktor der Burg die Erlaubnis zur Aufführung durchfolgende List: Die junge Schauspielerin Marie Boßler wurden enga-giert, eine schlanke, hohe Gestalt mit griechisch geformtem Hauptvoll Anmut und Adel. Solch eine Gärtnerstochter mußte die „Mes-alliance" des Grafen vor jedermann entschuldigen. „Excellenz", sagteLaube mit Überzeugung zu seinem Chef, dem Oberstkämmerer GrafenLanckoronski, „sie ist einfach, aber im Hintergrund merkt man denAdel; man glaubt, daß sie eine verkleidete Komtesse sein könnte." —„Nun, es mag sein!" hieß es endlich, und der Gestrenge lächelte fast.(Vgl. Laubes „Burgtheater". S. 254. 278.) —
Unterdes hatte Freytag 1852 mit seinen Journalisten" einen Er-folg errungen, der noch heute lebendig ist. Als er dieses Stück beimBerliner Hoftheater einreichte, erklärte der dortige Intendantv. Hülsen: „Die Journalisten machen mir so schon Ärger genug, ichwerd sie doch nicht gar ansässig machen auf dem Hoftheater!" undlehnte das Stück rundweg ab. Darauf nahm sich das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater in Berlin seiner an, und mit so durch-schlagendem und dauerndem Glück, daß der Intendant des Hoftheaters— freilich erst nach einer Reihe von Jahren, 1857 — seinen Irrtumzugab und das Stück dem Repertoire der Hofbühne einverleibte. Soerntete er immer noch die besten Früchte dessen, was andere gesäthatten. Der Dichter geht in seinen „Erinnerungen" (S. 253) sehrschonend über jene erste Ablehnung hinweg: damals sei bei Hof undRegierung alles, was irgend liberal war, verpönt gewesen. „Unverkenn-bar aber hatten die in dem Stück bevorzugten Journalisten einen ge-wissen liberalen Anstrich." — In Wien war man nahe daran, sich demEntrüstungsschrei Hülsens anzuschließen, und Heinrich Laube konntezuletzt wieder nur durch eine kleine Hinterlist die Aufführung durch-setzen. Er las seinem Chef die Szene vor, in der Schmock charakteri-siert wird, bekanntlich nicht schmeichelhaft für den Journalistenstand.Das half. Nicht gern — aber die Bewilligung wurde erteilt. So erzähltLaube selbst in seinem „Burgtheater" (S.255 ff.). — In demselben Buche(S. 397) berichtet er noch, daß sogar die Darstellung von Freytags„Fabiern" 1861 einen kleinen ' Zensurkonflikt heraufbeschwor. EineStelle darin über Werbung zum Soldatenstand wurde tendenziös aufungarische Verhältnisse gedeutet, was natürlich dem Dichter nicht imentferntesten im Sinne gelegen hatte, und durch ostentativen Beifallausgezeichnet. Der Vorfall trug dem Direktor eine Warnung ein, undda auch der Besuch bei zwei Wiederholungen, versichert Laube,schwach war, mußte das Stück vom Repertoire verschwinden.
In Rußland war Freytags „Graf Waldemar" verboten, weil der darin