201 . FREYTAG
lasse ich Ihnen, die Maaßregeln zu treffen, daß keine Leseprobe, unddas Stück überhaupt bey Seite gelegt wird."
Zum entschuldigenden Verständnis der Heftigkeit des Intendantenund der moralischen Entrüstung, die aus dem Brief herausklingt, magdie Notiz dienen, daß gerade in jenen Tagen ein angeblich nicht un-begründetes Gerücht durch die sächsische Hauptstadt ging, nach wel-chem von einer Person des Hofes sehr ähnliche Kletterversuche aufder Strickleiter gemacht worden waren. Die königlichen Prinzenhatten demnach die Unterweisung durch den Dichter nicht geradenötig. Von einer Aufführung der „Valentine" konnte unter diesenUmständen natürlich keine Rede sein.
Das einmal geweckte Vorurteil der Intendanz gegen den jungenDichter ermunterte nicht eben zu einem zweiten Versuch. Sein näch-stes Stück, „Graf Waldemar", schrieb Freytag in Dresden selbstm einsamer „Clausur", und am 26. Dezember 1847 übersandte er eswiederum Devrient. Noch ehe sich aber der Dresdener Intendant mitdiesem neuen Fall beschäftigt hatte, kam die Politik der jungen Dra-matik zu Hilfe. Die Frühjahrsereignisse 1848 fegten, wenigstens aufkurze Zeit, alle vormärzlichen Rücksichten hinweg. Die Hoftheaterschwelgten geradezu in verbotenen Stücken, und Lüttichau hatte plötz-lich rasende Eile, mit der Zeit und ihrer stürmischen Bewegunggleichen Schritt zu halten. Schon am 13. April 1848 wurden die„Valentine", am 29. Oktober des folgenden Jahres „Graf Waldemar"in Dresden aufgeführt. Ein Brief Freytags vom 3. April 1848 anDevrient gibt ein klassisches Bild von der vollständigen Ratlosigkeit,die die Spitzen der Theaterbehörden befallen hatte, und von ihrernun keineswegs erfreulichen Überstürzung, dem Zeitgeist die über-schwenglichsten Konzessionen zu machen. Gutzkows Bearbeitung hatteLüttichau höchstselbst kassiert, der Dramaturg war von Dresden ab-wesend, Devrient ebenfalls auf Reisen. So wurde trotz aller Protestedes Dichters das Stück am festgesetzten Tage hinausgejagt und dieRolle des Georg Saalfeld interimistisch durch einen andern Schau-spieler besetzt. Freytags dringender Wunsch, Devrient als Georg zusehen, war vereitelt, und damit dem Dichter jedes Interesse an derAufführung genommen. Bis 1862 wurden „Die Valentine" in Dresdenzwanzigmal gespielt, doch hat der Schauspieler auch später nie dieRolle des Georg an sich genommen. „Graf Waldemar", sonst ein er-folgreiches Repertoirestück der damaligen deutschen Bühne, erlebtein Dresden nur fünf Vorstellungen; mit dem Jahre 1849 setzte dieReaktion gegen die „Errungenschaften" der Revolution erfolgreichein und vertrieb die meisten dramatischen Wildlinge wieder von denHofbühnen. Das Wiener Burgtheater eroberten die „Valentine"schon 1848, „Graf Waldemar" aber kam dort erst sechs Jahre späterzur Darstellung. Bis dahin hatte sich die dortige Zensur hartnäckig