FREYTAG 200
Dramatiker bereits hatten gewöhnen müssen, wenn sie dafür wenig-stens ihre Existenz auf den wirksamen, vereinzelt schon Tantiemezahlenden Hoftheatern erkauften. Der Dramaturg Gutzkow hatteaußerdem noch einige technische Änderungen in petto und sich gleichan eine Bearbeitung gemacht, die er am liebsten auch in Leipzig schonbenutzt hätte, wo Direktor Heinrich Marr mit der Uraufführung demDresdener Hoftheater zuvorkam. Zur Besprechung der Einzelheitenbat Gutzkow den Dichter, nach Dresden zu kommen. Freytag folgteauch der Einladung, und es entwickelte sich bei seinem Besuch auf derIntendanz die peinliche Szene, die er in seinen „Erinnerungen" (1887.S. I99ff.) schildert, ohne Kenntnis des wahren Sachverhalts, der denDramaturgen entschuldigen mußte. Er wußte offenbar nicht, daß einedritte bestimmende Macht hier den Ausschlag gab, deren BedenkenGutzkow durch abschwächende Änderungen zuvorzukommen hoffte.Freytag widersetzte sich mit Entschiedenheit jeder Bearbeitung, denn„mein Amt ist nicht, mich zu beugen, sondern andere zu beugen", soschrieb er noch am 5. Januar 1848 an keinen Geringern als LudwigTieck, durch den er die Annahme seines nächsten Stückes, „Graf Walde-mar", in Berlin zu erreichen hoffte (vgl. „Ungedruckte Briefe GustavFreytags". Von Dr. Adolf Kohut. In der „Kölnischen Zeitung" 1916,Nr. 729; das Datum 1847 hier ist zweifellos Schreib- oder Druckfehlerfür 1848). Dem Dresdener Dramaturgen blieb also nichts übrig, alsdie Originalfassung der „Valentine" dem Intendanten v. Lüttichaumitzuteilen. Sofort legte dieser ein ungewöhnlich heftiges Veto gegendie Aufführung ein; er erklärte in einem Brief an Gutzkow, das Frey-tagsche Stück sei „ganz schlecht, nicht nur schlüpfrig, sondern an-stößig im höchsten Grade", die Aufführung daher unmöglich. Dannheißt es weiter — das meiste in diesem kostbaren Votum ist heftigstunterstrichen! —: „Hof und seine Umgebung ist darin so prostituirt,was in jetziger Zeit ganz mit Unrecht, da dergleichen mindestensin Deutschland, wo es spielt, nicht mehr existirt, wie vielleicht vor50 Jahren; mindestens ist der Hof und das Publikum hier an bessernGeschmack gewöhnt, nicht an solche Würze gewohnt, die doch zustark ist; dazu ein Erbprinz künftiger Regent, der des Nachts durchHülfe seines Helfershelfers auf der Strickleiter bey einer anständigenDame einsteigt, mit den entschiedensten Absichten, wo wir hier denPrinzlichen Hof mit jungen Prinzen haben, die das Theater besuchen,und sich ein schlechtes Beispiel nehmen könnten, wenn sie an sichnicht schon gesitteter erzogen wären. . . Die Sitte der Frauen ist mitFüßen getreten; der Mensch, der es geschrieben, könnte mir bis insein innerstes Mark verächtlich seyn, da ich diese Tendenz anstößigerfinde, wie alle politischen und religiösen Beziehungen auf der Bühne,und kann ich diese Aufführung in keinem Fall gestatten. . . Es istmeine Pflicht, Ihnen offen meine Meinung auszusprechen, und über-