FREILIGRATH 196
wurde er in die Künstlergesellschaft „Malkasten" aufgenommen, die,selbst ein Kind der patriotischen Begeisterung des Jahres 1848, vonden konservativen Elementen mit Mißtrauen betrachtet wurde. Umdieses Vorurteil zu zerstreuen, hatte sich im Oktober 1849 der Direk-tor Wilhelm v. Schadow in den Verein aufnehmen lassen, und seinemBeispiel waren andere Lehrer der dortigen Kunstakademie gefolgt.Kaum aber erfuhr die Regierung, daß nun auch der „berüchtigteDichter" im Kreise der Malkästner verkehrte, so gab sie ihren Be-amten, insonderheit den Akademielehrern, den Befehl, sofort auszu-treten. Daraufhin bat Freiligrath, ihn nach vierzehntägiger Mitglied-schaft aus der Vereinsliste zu streichen, und nachdem dies geschehen,ließ sich der „Malkasten" vom preußischen Ministerium ein ausdrück-liches Zeugnis seiner völligen politischen Reinlichkeit ausstellen. DerBildhauer Graß, der damals ein Gipsmedaillon von Freiligrath an-fertigte, wurde ebenfalls von der Polizei aufs Korn genommen undentzog sich ihrer Verfolgung durch Auswanderung nach London.
Bei diesen persönlichen Schikanen blieb es nicht, man wollte denDichter nicht nur aus der Düsseldorfer Gesellschaft, sondern über-haupt aus Preußen hinausbeißen. Im September 1850 erhielt er plötz-lich den Befehl, Düsseldorf und den Preußischen Staat sofort zu ver-lassen, da er nicht preußischer Staatsbürger sei! Wie die Behörde, imGegensatz zu der Ansicht des Justizministers vom Jahre 1845, mittler-weile zu anderer Erkenntnis gekommen war, verschweigen die Akten.Der Dichter aber nahm die Kriegserklärung an, und nach acht Mona-ten hartnäckigen Kampfes hatte er seine Gegnerin in allen Instanzengeschlagen: man mußte sein preußisches Staatsbürgerrecht anerken-nen, ihm einen Paß ausstellen und ihm das Düsseldorfer Bürgerrechtverleihen. Nachdem er so der preußischen Polizei gewissermaßen greif-bar geworden war, entzog er sich aber nun freiwillig ihrer liebevollenAufmerksamkeit. Den Abend des 12. Mai 1851 verlebte er noch ingeselligem Zusammensein mit seinen Freunden. Als die Stunde kam,da das Nachtschiff in Düsseldorf anlegte, überraschte er sie mit derNachricht, daß er mit ihm nach England abdampfen werde. Alle be-gleiteten ihn zum Rhein hinunter, das Schiff legte an, und nach hasti-gem Abschied fuhr er in die Nacht hinein flußabwärts. Seine Familiefolgte ihm, sobald er in London, wiederum als Kaufmann, ein Unter-kommen gefunden hatte.
Diese zweite freiwillige Verbannung wurde bald zu einer unfrei-willigen. Am 18. Juni wußte der nunmehrige Düsseldorfer Regierungs-präsident v. Massenbach zu melden, daß abermals eine Sammlung poli-tischer Gedichte Frciligraths vorbereitet werde, und das Ministeriumbefahl sogleich, scharf darauf zu vigilieren. Die vom Dichter schonvor zwei Jahren vorausgesagte Reaktion war unterdes so stark ge-worden, daß sie zur Not auch mit einem eigenwilligen Geschworenen-