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1 (1924)
Seite
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FREILIGRATH 1 g 4

reizte ihn zunächst nur zum Widerspruch, aber nicht mehr gegen dieSache, sondern gegen die Form. Georg Herweghs verunglückte Posa-Szene vor Friedrich Wilhelm IV. und sein bald darauf veröffentlichtesSchreiben an den König empfand er als eine Kompromittierung derFreiheit durch einen ihrer begabtesten Jünger, noch im Januar 1843richtete er gegen den Verfasser der „Gedichte eines Lebendigen" dasscharfe Fehdegedicht „Ein Brief" und duldete es überzeugungsstolz,daß ihn darob die liberale Presse durch den Kot schleifte und Herweghselbst ihn und Geibel, der ebenfalls seit Weihnachten 1842 eine preu-ßische Pension bezog, im „Duett der Pensionirten" bitter verhöhnte.In aller Stille, nach ernstem Nachdenken und gewissenhafter Prüfungwar er zum politischen Dichter gereift, der noch nicht nach links oderrechts sah. Wenn aber etwas dazu beitrug, das bedächtige Tempodieses Schrittes zu befeuern und ihm mehr und mehr die Richtungnach links zu geben, so waren es die Zusammenstöße mit der Zensur,die er im Winter 1843/44 durchzufechten hatte.

Seit November 1843 hatte Köln einen neuen Zensor erhalten, einenDivisionsauditeur Wenzel, und der Zufall wollte es, daß just am zwei-ten Tage seiner „Scheerenführung" die von ihm zensierte „KölnischeZeitung" ein neues Gedicht von Freiligrath brachte, „Der Königstuhlzu Rhense", worin eines mittelalterlichen deutschen Königs mit denWorten gedacht war: „Fauler Wenzel! nimmer sehnen Wir uns heutnach dir zurück!" Streichen konnte natürlich der Zensor den histo-rischen Namen nicht. Der Zufall erregte „ungeheure Heiterkeit", undin den Redaktionsstuben der „Kölnischen" hieß hinfüro der Zensornur „der faule Wenzel". So unschuldig der Dichter an diesem Scherz-spiel war — menschlich begreiflich ist, daß im Gemüt des Zensors eineVerstimmung gegen den Urheber des Spottnamens haften blieb under jede fernere Zeile Freiligraths mit besonderem Mißtrauen unter dieLupe nahm. Der Dichter war damals gerade in einem schöpferischen„Grimm", wie er sich einmal scherzend ausdrückte: „Ich sage Assah!spucke in die Hände und ein Gedicht ist fertig." Und was ihm so reichund mühelos aufsproß, sollte sich zu einem Strauß „PatriotischerPhantasien" zusammenschließen. Dichtungen dieser Art wären seelen-los gewesen ohne unmittelbaren Zusammenhang mit den politischenZeitereignissen ; der Zensor spitzte also doppelt scharf die Ohren. An-fang 1844 sollte das Feuilleton der „Kölnischen" mit einem GedichtFreiligraths eröffnet werden, das den bedenklichen Titel führte: „FürFreiheit und Recht." Der „faule Wenzel" strich es von oben bis untenals „unstatthaft wegen der auf Erregung von Unzufriedenheit gerich-teten Tendenz". Freiligrath beschwerte sich beim Oberzensurgerichtin Berlin. Aber seine Eingabe war noch nicht auf der Post, da sandteihm der Verleger der „Josephina" — so hieß die Zeitung im engernFreundeskreis Joseph Dumonts — ein zweites, vom Zensor frisch ge-