183 FRE1LIGRATH
Dombaufest. Der preußische Gesandte in Darmstadt, General v. Ra-dowitz, der sich persönlich für die Unterstützung Freiligraths in Berlinverwandt zu haben scheint, stellte am 16. September auf einem Hof-ball in Koblenz den Dichter vor. „Ah, Herr Freiligrath," redete ihnFriedrich Wilhelm IV. in seiner bekannten witzhaschenden Lebhaftig-keit an, „Sie sind ja ein Weinkenner! Ist Ihnen auch der Grüne-berger bekannt?" Freiligrath verneinte lächelnd. „Da gratuliere ich!da gratuliere ich!" fuhr der König fort — und das Gespräch war be-endet. Länger unterhielt sich Erzherzog Johann von Österreich, derReichsverweser von 1848, mit dem ob jener königlichen Beredsamkeitnicht wenig verblüfften Poeten. Er begrüßte ihn mit den Worten:„Freut mich sehr, Herr Freiligrath, Sie kennenzulernen! Ich habeIhren ,Ahasver' gelesen!" Dann plauderte er von österreichischenDichtern, die ihn oft zur Jagd besuchten, lud auch Freiligrath zu sichein, und nachdem er nochmals die „ergreifenden Schönheiten" des„Ahasver" gerühmt hatte — der von Julius Mosen war! —, entfernteer sich mit einem huldvollen Händedruck. Auch das übrige Milieudieser Audienz hinterließ in Freiligrath den übelsten Eindruck, unddieser erste Gang zu Hofe hatte auf ihn eine Wirkung, von der er sichvorher in seiner beneidenswerten politischen Harmlosigkeit nichtshätte träumen lassen. Er selbst erzählt davon: „Als ich im einfachenschwarzen Frack ins Vorzimmer und in den Saal kam, wo ich lautergoldbetreßte, besternte Herren fand, sah ich, daß jeder zu mir her-überschielte, wer ich wohl sein möchte. Diesen und jenen kannte ich;man nannte meinen Namen, aber niemand sprach mit mir, und ichdrückte mich in eine Ecke. Da kam der Erzherzog die Reihe entlangauch zu mir und unterhielt sich längere Zeit mit mir. Kaum war erweg, so drängt sich jedermann von dem Geschmeiß an mich, begrüßtmich, erinnert sich meiner. An jenem Abend und in jener Stundeward ich Demokrat."
Diese Begebenheit also war es, die einen triebkräftigen Senker derOpposition in Freiligraths bis dahin „gänzlich unbefangenes" Herzpflanzte. Dies Zeugnis stellte ihm noch am 16. Februar 1842 einerder „Konfidenten", soll heißen: Spione aus, deren die österreichischeRegierung in Frankfurt mehrere besoldete, und von denen dieser einedie vierziger Jahre hindurch eifrig mit seinem nur zu unbefangenen„Freunde" Freiligrath korrespondierte; Glossy, der in seinen „Litera-rischen Geheimberichten aus dem Vormärz" dieses Spitzelsystem ausden Akten enthüllte, weiß seinen Namen nicht zu nennen; es war, wieich nachweisen kann, ein Dr. Hermann Ebner, damals Redakteur derFrankfurter „Oberpostamtszeitung". Nicht von heute auf morgen abervollzog sich die'Umwandlung des harmlosen Lyrikers in einen Dichterder Revolution, nicht aus gekränkter Eitelkeit oder einem ähnlichenplötzlichen Affekt. Das demagogische Pathos der politischen Lyrik