Druckschrift 
1 (1924)
Seite
139
Einzelbild herunterladen
 

EINSTEIN139

Novellensammlung „Afrikanische Legenden", und mit der „SchlimmenBotschaft" war er gleichfalls überzeugt, einem Werk von literarischemWert den Weg an die Öffentlichkeit zu bereiten. Die .,-ode desStoffs, die Gedankenüberladung eines Aphorismenstils, der mit wech-selndem Glück nach Vertiefung, nach neuen Ausdrucksformen, plasti-schen Bildern hastet, entzog das Buch von vornherein dem zer-streuungsbedürftigen Lesepublikum, an eine Darstellung auf der Buhnehatte der Dichter selbst nie gedacht. Nur ein engerer Kreis von Lite-raten und besinnlichen Lesern mochte es gelegentlich entdecken.Von der Auflage von 2400 Exemplaren wurden bis zur Beschlag-nahme (März 1922) nur 200 verkauft, denn auch die literarische Kritikschien befremdet und verhielt sich ziemlich lobkarg. In der „NeuenRundschau" (Dezember 1921) drückte Otto Flake dem Dichter gerade-zu den Revolver in die Hand: „Ist einer von der tragischen Unfreiheit<ler Kreatur so überzeugt wie Einstein, derart, daß er überhaupt keinemWollen mehr Wert zuerkennt, treibt er die Erkenntnis bis zu einemPunkt, wo ihr keine Hoffnung mehr bleibt, dann muß er den Schritttun, den Weininger tat. Denn jeder Geistige muß persönlich so leben,wi e er die Welt sieht, damit seine Lehre verbindlich und beispielhaftsei. An jenem Punkt, wo der Erkenntnis keine Hoffnung mehr bleibt,gibt es nur den Sprung in das Nichts, den Tod, oder den Umschlag,den Weg in den Idealismus, der der Ohnmacht der Menschen einReich der heilenden Ideen öffnet. Die Radikalen glauben, unerhörtneue Erkenntnisse zu finden; sie liefern nur die Theorie der Not-wendigkeit des Umschlags." — Die radikale Presse wußte, trotz derunzweideutigen Einstellung des Verfassers, am wenigsten mit dem Ver-such anzufangen. Die „alten, christlichen Märchen" aufzutischen, er-schien der „Bremer Arbeiter-Zeitung" (25. Juli 1921) als eine „unnützeGeschmacksveriirung"; die Verkommenheit der Gesellschaft fand sie„hinreichend klargestellt", die Ansichten Jesu nannte sie „für uns un-klares Gewäsch. Er müßte natürlich Sozialist sein. (Ohne ein Partei-programm herzubeten !) Doch Einstein ist kein Zukunftsfreudiger. Somacht er müde und trostlos ein Ende. Man kann sein Buch nicht zumzweiten Male lesen." Die „Freiheit" (8. Oktober 1921) erkannte zwardas „ehrliche revolutionäre Gefühl" der sehr „intelligenten" Dichtungan, vermißte aber die „Körperwärme, das ohne Ästhetik Sinnliche",eben darum bleibe „der Haß gegen Snobismus und Gegenrevolutionohne die Kraft, die keine Zweifel kennt". —- Der „Berliner Börsen-zeitung - (21. August 1921) erschien die Kreuzigungsszene als eine„literarische Clownerie"; die Welt von heute, die hier intellektuellvernichtet werden solle, werde sich „bei den Wahrheiten Einsteinsköstlich amüsieren, wie sie etwa über die Frechheiten des .dummenAugust' lacht", doch der Schrei des Verzweifelnden, „der in die Arenasteigen und seine Herzensangelegenheiten dem Massentier entgegen-