EINSTEIN 138
Gotteslästerungsprozeß im Zeitalter der deutschen Republik. Von dennicht allzuvielen, denen an diesem Zweig der Rechtsprechung gelegenist, hofften die einen und fürchteten die andern, daß die heutigen Aus-leger des Strafgesetzbuches § 166 von dem Wehen eines neuen Welt-geistes eine leise Witterung empfunden haben könnten. Die Furchtder andern war unbegründet. Es zeigte sich, daß die Geistesentwicklungder kompakten Majorität, die sich zur Selbsterhaltung an das Be-stehende klammern zu müssen glaubt, träge ist und anscheinend nurdann in Bewegung kommt, wenn sie gewaltsam weitergeschoben wird.Für den Dichter der „Schlimmen Botschaft" war die Frage: Gottoder Mensch ? kein Problem; seine Voraussetzung war das reine Men-schentum des Mannes aus Nazareth, das ja auch der theologischenKritik besonders des neunzehnten Jahrhunderts nicht fremd ist. Ausder alten Passionsgeschichte übernahm er die Ereignisse und Gestal-ten, die symbolisch für das Schicksal eines Messias geworden sind, undnun wucherte in der gestaltenden Phantasie die Vorstellung: Waswürde einem solchen edlen, von den Idealen des Urchristentums er-füllten, aber nicht mit göttlichen Kräften ausgestatteten Menschenwiderfahren, wenn er sich erdreisten wollte, der heutigen Welt seineHeilsbotschaft aufzudrängen? Diese Vorstellung, auflodernd in derglühenden Phantasie eines unter der Entartung der Menschheit lei-denden Dichters, mußte allerdings ein Pandämonium böser Geister ausder Tiefe rufen. „Die Erde bebt vor Ekel!" Diese szenarische An-merkung bezeichnet das bittere Erlebnis des Dichters, sie ist der Schreider Verzweiflung über das Heute. Um diesen Ausbruch der Elementezu rechtfertigen, mußte Ungewöhnliches, Unerhörtes geschehen; ihm„das Maß des Notwendigen" zudiktieren zu wollen, wie das urteilendeGericht tat, zeigt eine Anschauung von dem Wesen aller Dichtung,mit der sich der Literarhistoriker nicht auseinandersetzen kann. Manmag menschlich den Dichter bedauern, der so hoffnungsbar, ob seinerHilflosigkeit rasend das Kreuz dieser Welt trägt — aber das Bajonettdes Gesetzes wird solche nicht vereinzelten Symptome vergeblich aus-zurotten suchen.
Was nun Einstein mit seinem in das heutige Chaos hineingestelltenChristus geschehen läßt, glaubte er von der Galgenphysiognomie derGegenwart ablesen zu können. So gestaltete er seine zwanzig Szenen„Die schlimme Botschaft" — „schlimm" im Gegensatz zur altchrist-lichen Heilsbotschaft, weil deren Bejahung das Todesurteil über allemoderne „Kultur" bedeutet, und diese „Kultur" sich demnach mit allenMitteln ihrer wohlausgerüsteten Folterkammer gegen jene Botschaftzur Wehr setzt.
Das Buch erschien am 1. Juli 1921 bei Ernst Rowohlt, Berlin. Ein-stein hatte sich durch eine Schrift über „Negerplastik" (1915) alsKunstschriftsteller bekannt gemacht; 1920 erwarb Rowohlt seine