DINGELSTEDT 136
reinen Mund gehalten! Auf der Reise nach Stuttgart kam er am20. Oktober durch Frankfurt, den Sitz des Bundestags, wo die öster-reichische Regierung zahlreiche Spione besoldete, die man schamhaft„Konfidenten" nannte, denn einige von ihnen waren bekannte Schrift-steller, die ehrlos genug waren, gegen guten Lohn und noch bessereBehandlung solche Judasdienste zu verrichten. Einer von ihnen —jedenfalls Eduard Beurmann, selbst Autor mehrerer verbotenenBücher — berichtete noch am selben Tage, sein „Freund" Dingel-stedt bezeichne selbst sein neues Buch als „das Tollste und Vehemen-teste", was im Felde der modernen Lyrik geschrieben worden; Her-weghs „Lieder eines Lebendigen" seien dagegen „Milch und Honig".Dingestedt trete damit als ein „Tyrtäus der Revolution" auf. Selbstüber Campes unvorsichtige Briefe und somit über das HamburgerImprimatur und die „graden" Wege des Verlegers war Freund Beur-mann genau unterrichtet, wenn ihm auch etliche Falschmeldungenunterschlüpften (vgl. Glossy, „Literarische Geheimberichte aus demVormärz". I, 228f.). In Wien aber war man allzeit zärtlich für dasWohl Preußens besorgt und verfehlte nie, solche Kundschaftschleunigst nach Berlin weiterzugeben. Daher funktionierte diesmalder amtliche Apparat schneller und nachdrücklicher, als sich Campehatte träumen lassen. Bei der Beschlagnahme des DingelstedtschenBuches blieb es nicht, sondern Preußen verbot am 8. Dezember sogarrundweg sämtliche Verlagswerke der Hamburger Firma, die so auf-rührerische Literatur wie die „Unpolitischen Lieder" Hoffmanns undnun die „Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters" von Stapelließ. Hauptanlaß dieser drakonischen Maßregel, die sogar den Anti-quaren jeden Verkauf Campescher Verlagsartikel untersagte, war eineanonyme kirchenpolitische Schrift „Der Bischof Draeseke", die Campeangeblich nur als Kommissionär vertrieb; die Bücher von Hoffmannund Dingelstedt dienten der preußischen Behörde mehr als willkom-menes Einschlagpapier für das Gesamtverbot. Obgleich dieses schonam 6. Juni 1842, nach dem Hamburger Brand, wieder aufgehobenwurde, war diesmal der Schaden des Verlegers nicht unbeträcht-lich, denn Preußen war stets der Hauptmarkt für alle Neuerscheinungen ;er hatte dem Dichter 200 Taler Honorar „ein für alle Mal" gezahlt,und mit dem Absatz der zweiten Auflage sah es jetzt übel aus. Auchvon einem gleich anfangs geplanten zweiten Bändchen, wie bei den„Unpolitischen Liedern", konnte infolge des radikalen Vorgehens derpreußischen Polizei nicht mehr die Rede sein. Die „Jeremiade" desVerlegers verstimmte obendrein den Dichter, von dem übrigens derKonfident Beurmann schon im Oktober 1841 versicherte, daß er wegenseines Buches sehr schwankend und ängstlich sei. Daß es ihm „langeAngst gemacht" habe, gestand er aus dem sichern Asyl Paris seinemJugendfreunde Friedrich Oetker (24. Januar 1842). In Augsburg liefen