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1 (1924)
Seite
129
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T 2 9 DEHMEL

Der einzige Skalp in dem Feldzug der „Schlammbeißer", gegenDehmel blieb also das Gedicht „Venus consolatrix", und wenn manschon zugeben darf, daß Bücher wie „Aber die Liebe" und „Weib undWelt" weder jemals dem Volksmunde zusagen, noch daß ihr Schöpferdanach geizte, so hatte das lärmvolle Halali dieses ganzen Kessel-treibens noch die eine, von Avenarius richtig vorausgesagte Folge, daßnun erst recht die Meute der Unmündigen und der Pikanterienschnüff-ler auf das gehetzt wurde, was aus der jungen Literatur ekrasiert wer-den sollte. Unter dieser, von seinen Gegnern nicht beabsichtigten,aber verursachten Wirkung mag Dehmels strenge Selbstehrlichkeittief gelitten haben. Das ästhetische Urteil Münchhausens und seinerMeinungsgenossen über Dehmels Lyrik mochte dabei auf sich beruhen;aber der Dichter hat es noch erleben dürfen, daß die Literaturgeschichteseinen Schild von diesem Staub befreite.

Ein Jahr nach der Gerichtsentscheidung über „Aber die Liebe" ge-langte „Weib und Welt" zur zweiten Auflage. Das der Vernichtunganheimgefallene Gedicht „Venus consolatrix" mußte darin fehlen.Dehmel sandte ihr deshalb folgendes Vorwort voraus:

„Infolge der Denunziation, durch die sich der Schriftsteller Börriesv. Münchhausen in weiteren Kreisen bekannt gemacht hat, durfte beidieser zweiten Auflage der Wortlaut der ersten nicht unverändertbleiben. Das preußische Landgericht hat die Dichtung ,Venus Conso-latrix' (früher auf S. 119—121) für unsittlich und gotteslästerlich er-klärt und ihre Vernichtung angeordnet. Ich war also genötigt, dieseVerse durch andre zu ersetzen . . .

„Allen denen aber, die dieses Buch, dessen Geburtswehen hintermir liegen, noch immer mit den sittlichen Blicken des eingangs ge-nannten Herrn betrachten, möchte ich folgende Legende eines altenPersers ans Herz legen, die ich im Anhang zu Goethens .Westöst-lichem Divan' fand und für deutsche Christen umgeformt habe:

Der tote Hund.Nach Nizami.

Der Herr Jesus auf seiner Wanderschaft,

betrat einen Markt, wurde sehr begafft.Nur ein toter Hund, schon halb verfault,

wurde noch mehr begafft und bemault.Da lag er — und rings um die üble Gestalt

machten die Menschen wie Aasgeier halt.Puh! sprach einer: mir wird ganz krank

von dem entsetzlichen Gestank.Ein zweiter sprach: er stinkt zwar sehr,

aber der Anblick entsetzt noch mehr.