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1 (1924)
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DEHMEL , , 4

damit diese keinesfalls ausbleibe, stellte der Jurist Münchhausen selbsteinen entsprechenden Strafantrag. Als der Mann, der das vorschrifts-mäßige Ärgernis genommen hatte, wurde er zum 29. Juli vor das Amts-gericht Göttingen, zum 5. August vor das in Rodenberg geladen.Kein Wunder demnach, daß ihm alsbald von rechts und links derVorwurf „Denunziant" entgegensprang.

In der Zeitschrift „Die Kritik" fand Dehmel zunächst einen Ver-teidiger in einem andern jungen Lyriker, Wilhelm v. Scholz. SeineReplik (in der Nummer vom 5. Juni) war nicht eben glücklich, da siezu sehr auf den Ton eingestellt war, den Dehmels hohes Selbstbewußt-sein in der ethischen Ballade „Die beiden Schwestern" („Aber dieLiebe", S. 192) allzu herausfordernd angeschlagen hatte:

Wer Löwe ist, der gönnt der Katzeden Mäusefang, in seiner Welt;sie will auch leben. Jede Fratzezeugt für den Gott, den sie entstellt.

Carl Bulcke, der dem kecken Knappen sogleich entgegentrat(19. Juni), hatte daher leichtes Spiel; in seiner Verurteilung derDehmelschen Lyrik ging Bulcke aber noch weiter als Münchhausen,er nannte das, was Dehmels Versen Leben und Puls verleihe, nichtmehr Sinnlichkeit, sondern erklärte geradezu: „das ist tierisches Ge-schlechtsleben, das ist Brutalität. Dehmel scheut sich nicht, dieekelhaftesten Lüste, gegen die das Strafgesetzbuch seine Paragraphenaufgestellt hat, die perversesten, schmutzigsten Gedanken zum Milieuseiner Gedichte zu machen. Seine .Verwandlungen der Venus' zeugenvon einer Schamlosigkeit, von einer Gefühlsverrohung und Wider-lichkeit, die auch kein noch so genialer Vers, der da — neben steht,wieder gut machen kann. Er hat sich selbst gerichtet." Wobei zubeachten ist, daß auch Bulcke, ein Jahr jünger noch als Münchhausenund Scholz, Jurist war und sich auf die Laufbahn eines Staatsanwaltsvorbereitete. Die „vermeintliche" Tiefe in Dehmels Gedichten nannteer Unsinn; daß Gustav Falke, „der feinsinnigsten und maßvollsteneiner, ein überschwengliches Loblied auf Richard Dehmel" gesungenhatte (in der „Gesellschaft" 1894, III, 9031!.), machte ihn keineswegsnachdenklich, und daß Liliencron selbst in seinen „neuen Gedichten"mit begeisterten Worten auf Dehmel hingewiesen, ihm sein Epos„Poggfred" gewidmet und jedem seiner zwölf Cantusse ein Zitat ausDehmelschen Gedichten vorangesetzt hatte, erschien ihm als unbegreif-liches Rätsel. Ganz anders, ruhig, sachlich und feinsinnig eingehendauf die Eigenart des Dichters und seinen gewiß oft geheimnisvollenGedankengang behandelte der Münchener Schriftsteller Ludwig Kraftden Fall in der „Gesellschaft" (Juli 1897) und enttäuschte gewiß jeden,der sich nach dem Titel „Der Göttinger Dichtercensor. Eine Münch-