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DEHMEL
keiten des Dehmelschen Buches als krampfhafte Originalitätssucht:die kleinen Buchstaben am Zeilenanfang, die Gruppierung der.Verseum eine vertikale Mittelpunktslinie — eine Neuerung, die seitdem zum„guten Ton" der typographischen Kunst gediehen ist —; er stieß sichsogar an dem Ausdruck „Übersicht" statt „Inhalt", und daß das Um-schlagbild sich über den Buchrücken hinweg auch auf die Rückseiteerstreckte — ebenfalls heute etwas Alltägliches und vielfach Zweck-mäßiges —, daß „auf diesem Bilde eine gelb gekleidete Figur mitgelben Flügeln vor einem roten Segel, und ein rot gekleideter Teufelvor einem gelben Segel sitzt", auch diese bescheidene Farbensymphonieerweckte seinen Zorn. Weit mehr aber noch der Inhalt des Buches.»Einige gute Gedichte" ließ er gelten, die übrigen aber teilte er in zweiKlassen: die einen seien „von einer geradezu kindlichen Albernheit",nämlich die Kinderlieder, die andern „abstrus, verworren und stellen-weise verletzend durch ihren Inhalt". Damit springt er gleich inmedias res: er zitiert das Kinderlied „Reise" und erklärt: „Wenn einBauernmädchen den Kindern so was vorsingt, mags durchgehen" (einewunderliche Auffassung des Volksliedes, dem er doch weiterhin Ewig-keitswerte zuspricht) — „die gekünstelte Naivetät eines Mannes, derau f denselben Blättern von den ,braunen Brustwarzen', der ,prallenBauchhaut' und dem .schwarzen Schleierhaar der Scham' der MutterMaria spricht, wirkt einfach abstoßend." Peinlicher noch als diesemißverständliche Auslegung des am heftigsten angefeindeten Gedich-tes „Venus Consolatrix", dessen kühnste, aus dem Zusammenhanggerissene Verse Münchhausen dann noch abdruckt, um das Ganzeder „anwidernden, moralisch zerrütteten Decadence" zuzuweisen, wirk-ten der laienhaft falsche Rückschluß vom Inhalt gewisser Gedichteauf des Verfassers Privatleben (wörtlich: „die wiederholte Erwäh-nung der ehelichen Untreue seiner Frau Gemahlin"!) und der Hin-weis auf ein „angebliches" Judentum Dehmels, das nachweisen zumüssen selbst Adolf Bartels in Verlegenheit setzen würde. Münch-hausen ahnte damals wohl kaum, daß ihn selbst wenige Jahre späterGeschichte und Sagenwelt Israels in ihren Bann ziehen und er seinBalladenbuch „Juda" (1900) von E. M. Lilien würde illustrierenlassen. In der Leidenschaft des Kampfes sind solche Dumdum-geschosse literarischer Polemik nichts Ungewöhnliches, aber eine reinliterarische Fehde war nicht das Ziel des Angriffs, den Ästhetikerverdrängte schließlich völlig der Jurist und präsumtive Staatsanwalt.Er wollte zwar „weder vom grünen Tisch des Staatsanwalts, noch vonder Kanzel aus reden" — mit solchen Verneinungen verlarvt manstets die wahre Absicht —, aber er bezeichnete doch die Tendenz einesandern Dehmelschen Gedichtes „Mit heiligem Geist" als „polizeilichnicht ganz zu rechtfertigen", woraus sich für den amtlich bestalltenHüter von Sitte und Ordnung die Folgerung von selbst ergab. Und
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