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1 (1924)
Seite
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DEHMEL ll2

Vernehmung stellen. „Sogar in ,Venus Madonna'", meldete er sogleichdem Freunde Liliencron, „hat man Gotteslästerung gewittert und inder ethischen Burleske ,Die beiden Schwestern' Unsittlichkeit. Hätteich nur wenigstens lachen können." Außer gegen Dehmel hatte dieMünchener Staatsanwaltschaft gegen den Verleger Dr. Eugen Albertund einen Buchhändler Reinhold Löbell Anklage wegen „Vergehensgegen die Sittlichkeit aus der Religion" erhoben. Durch Beschluß derII. Strafkammer des Landgerichts München I vom 28. Mai 1894 wur-den aber alle drei Beschuldigten außer Verfolgung gesetzt. DehmelsZuversicht, das Gericht werde die Anklage „als unsinnig verwerfen"(Brief an Hans Thoma vom 17. Dezember 1893), scheint sich demnachbewährt zu haben. Die Begründung des Beschlusses hat sich nichtfeststellen lassen; die Münchener Akten sind (nach Mitteilung deszustandigen Landgerichts) bereits eingestampft, auch das Dehmel-archiv 111 Blankenese enthält nichts darüber. Nach Aufhebung der Be-schlagnahme veröffentlichte der Dichter im Augustheft der „Gesell-schaft' („An meine Gönner") eine veränderte Fassung der „Venussapiens , um den von Otto Ernst und andern gegen ihn erhobenenVorwurf der Unverständlichkeit wenigstens für dieses Gedicht zubeseitigen. — Der Verlag Albert löste sich bald nachher auf; Dehmels„Aber die Liebe" wurde von dem Berliner Verlag Schuster & Loefflerübernommen, der sich die Pflege der jüngsten Literatur angelegensein ließ und im Jahre 1896 alles an sich gebracht hatte, was bis da-hin von Dehmel erschienen war. —

Noch ein zweites Mal sollte Dehmels „Aber die Liebe" vor dieSchranken des Strafrichters gezerrt werden. Aber ehe es dazu kam,setzte ein anderer Eingriff des Staatsanwalts die Öffentlichkeit innicht geringe Bewegung. Hier zeigte sich die literarische Welt selbstin zwei feindliche Lager zerfallen, ging doch das Signal zum An-griff von einem Schriftsteller aus. Oktober 1896 brachte der nun-mehrige Verleger Dehmels, Schuster & Loeffler, eine neue lyrischeSammlung des Dichters heraus, „Weib und Welt". Das Buch warschon über ein halbes Jahr auf dem Markt, da erschien am 10. April1897 in der Zeitschrift „Die Kritik" ein Aufsatz „Richard Dehmel",der zu einer Charakteristik des Dichters lediglich auf Grund seinesjüngsten Werkes ansetzte, dieses in ästhetischer und sittlicher Be-ziehung unbedingt verurteilte, heftigst dagegen Verwahrung einlegte,daß „auf den Thronsessel neben Detlev v. Liliencron" der Verfasservon „Weib und Welt" gesetzt werde und dieser ganzen „Klasse dermodernen Lyrik" unbedingten Kampf ansagte. Der Verfasser warein zweiundzwanzigjähriger Göttinger Student der Jurisprudenz, derdamals selbst ein erstes Feldblumensträußlein eigener Lyrik gewundenhatte („Gedichte". 1896) und als ein Talent begrüßt worden war,Börnes Frhr. v. Münchhausen. Er empfand zunächst alle Äußerlich-