DEHMEL
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das Schauspiel eines gigantischen, bis zu den äußersten Vorposten derProblematik wogenden erbitterten Kampfes zwischen neuem Stoff undder für ihn zu erzwingenden Form bietet jede Seite:
denn ich bin wie jene großenTagraubvögel, die zum Fliegensich nur schwer vom Boden heben,Aber, wenn sie aufgestiegen,frei und leicht und sicher schweben,
sagt das „Gebet der Sättigung" am Schluß des Zyklus Jüie Verwand-lungen der Venus", der später zu einem selbständigen Ganzen ausge-reiften Gedichtfolge, deren ersten Wurf „Aber die Liebe" umschließt.Der ganze Dehmel offenbart sich in dieser vielspältigen Sammlung,deren Einheit nur im Dichter selbst gegeben ist: der kalte Grüblerund leidenschaftliche Sucher, der Stauner und Verächter, der Zweiflerund Prophet, der Idealist und Zyniker, der pathetische Gedanken-lyriker und der nach primitivstem Volkston haschende Kindersänger,der Übersetzer, der sich im Zusammenhang mit der Weltliteratur fühlt,und der weniger ausschweifende Prosaist, der im „Hamburger Läster-bnef" seiner übermütigen Rauflust die Zügel schießen läßt, nachdem von ihm verdeutschten Worte Fran$ois Villons: „Wer auf michschimpft, thut mir die größten Ehren." — „Meinem Freunde Detlev,dem Dichter Liliencron" war das Buch gewidmet, Fidus hatte Rand-bilder zum Text mit sauberer Feder gezeichnet, und auf dem blutrotenUmschlag prangte eine Vignette von Hans Thoma: ein barockes, denl'ormen des Seepferdchens nachgebildetes Ungetüm, in dessen weitoffenem Rachen eine Flügelputte mit „Sonnenandachtsaugen" in dieWelt hineinschaut und mit vollen Backen seelenvergnügt schalmeit.Vignette und Titelworte des Buches verbindet eine „Hieroglyphe", dieden Stimmungsgehalt des Werkes nach zwei Polen hin erläutert:„aber die Liebe ist das Trübe" und „aber ob rings von Zähnen um-giert, das Leben sitzt und jubilirt". In einem Brief an Franz Servaes(vom 18. April 1894), der als erster und lange Zeit einziger Kritikerdem Buche als einem Bekenntnis der modernen Psyche eine Würdi-gung zuteil werden ließ (in der „Gegenwart" vom 4. April 1894 Nr. 15:..Zwei Apokalyptiker"), klärt der Dichter den dumpfen Unterton desTitels und zugleich des ganzen Werkes dahin auf: „Das verzwickteAber', das ich vor die Liebe setzte, ist nicht blos das trübe ,Aber'meines hieroglyphischen Mottos, sondern auch das selige ,Aber'dieses nämlichen Mottos: ,Das Leben sitzt und jubilirt!' und zugleichein Anklang an das Wort des Paulus: ,Aber die Liebe ist die größesteunter ihnen' — trotz Allem! Freilich, dies .trotz Allem', all die gierigdrohenden Drachenzähne rings, wollen wir mal endlich klar ins Augetassen, aber nur, damit wir desto klarer das jubilirende Leben sehen