log DEHMEL
listisch angehauchten Standpunkte aus hat er sich leiten lassen, wenner die Werke der heute hier angeklagten Schriftsteller verlegte." (Vgl.Alberti, „Der Realismus vor Gericht". S. 63ff., Separatdruck aus der„Gesellschaft" 1890, Heft 8.)
In einer Beziehung hatte allerdings Conradi vor den Genossen einennicht einzuholenden Vorsprung voraus, er war der irdischen Gerech-tigkeit entrückt, und das Urteil vom 27. Juni 1890 traf nur noch seinWerk. Es verfiel, wie die beiden andern Romane, dem Feuertode —wenigstens die Exemplare, die man beim Verleger gefunden hatte.Die Auflage betrug im ganzen 1050; ungefähr ein Viertel davon wurdevernichtet; die übrigen Exemplare waren ausgeliefert und verkauft,als die Beschlagnahme erfolgte. Die Abneigung des Staatsanwaltsgegen den Realismus, meinte der Philosoph Eduard v. Hartmann ineinem Brief an den Verleger, gehe wohl hauptsächlich gegen diemoderne Liebhaberei, Lumpe zu Helden zu wählen. Im Anschlußdaran verbreitete sich Hans Merian in der „Gesellschaft" (1891, Heft 1)ausführlich über die Berechtigung der „Lumpe als Helden". Heuteist diese Frage zugunsten Conradis längst entschieden. Aber eine lite-rarische Auferstehung wird seinem „Adam Mensch", so hoch ihn auchder allzeit enthusiasmierte Detlev v. Liliencron stellte, nicht beschiedensein; nur der verzweifelnde Pessimismus, der ihn geboren hat, wirdheute auf tieferes Verständnis stoßen. Die furchtbare Prophezeiungdes Dichters in seiner letzten Schrift „Wilhelm IL und die junge Ge-neration" ist in einer ungeahnten Schwere in Erfüllung gegangen.Der Kampf der Intelligenz um die Kultur, der Armut und des Elendsum den Besitz ist da. Vorher jedoch, so lauten Conradis damals wohlverlachte Prophetenworte, „wird diese Generation der Übergangs-menschen; der Statistiker und Objektssklaven; der Nüchterlinge undIntelligenzplebejer; der Suchenden und Ratlosen; der Verirrten undVerkommenen; der Unzufriedenen und Unglücklichen — vorher wirdsie mit ihrem roten Blute die Schlachtfelder der Zukunft gedüngthaben — und unser junger Kaiser hat sie in den Tod geführt. Einesist gewiß: sie werden uns zu Häupten ziehen in die geheimnisvollenZonen dieser Zukunft hinein: die Hohenzollern. Ob dann eine neueZeit ihrer noch bedürfen wird —?" Ein Jahr nach dem Regierungs-antritt des jungen Kaisers sind diese Worte niedergeschrieben — poetapropheta!
DEHMEL, RICHARD (1863—1920).
Ende 1893 erschien in München (Druck und Verlag von Dr. Albert& Co. Separat-Conto) Dehmels zweites lyrisches Werk: „Aber dieLiebe. Ein Ehemanns- und Menschenbuch", eine von Gedanken- undBilderfülle strotzende Sammlung, das Bekeuntnisbuch eines Dreißig-jährigen, der für seine erste chaotische Epoche einen Abschluß sucht;