CONRADI Io8
genommen, und das Jahr 1888, das ein „Wurf- und Siegesjahr" werdensollte, sah ihn im ohnmächtigsten Kampf mit der bittersten Not; Al-mosen der Freunde hielten ihn kümmerlich über Wasser, aber seineletzte Lebenskraft wurde dadurch zermürbt. Im September 1888 kames zur Aussöhnung mit Friedrich. Conradi arbeitete sein Werk um,wobei die roten Striche des Verlegers am Rande des Manuskriptesihn in einem lodernden Zorn erhielten, und lieferte es Mitte Novemberwieder ab; nachdem dann noch die letzten Schwierigkeiten des zugroßen Umfangs überwunden waren, gab Friedrich, vertrauend aufdie ehrenwörtliche Versicherung, daß alles Anstößige beseitigt sei,nunmehr das Manuskript ungeprüft in die Druckerei; diese Leicht-fertigkeit nach solchem Vorspiel durfte allerdings dem Gericht un-glaublich erscheinen. Im Gegensatz zum Staatsanwalt räumte das Ge-richtskollegium jedoch von vornherein ein, daß dem Verleger auchbei einer neuen Durchsicht des Manuskriptes jener vereinzelte gottes-lästerliche Ausdruck wohl habe entgehen können, und das Urteil sprachschließlich den Verleger völlig frei, dank der geschickten Verteidigungdes Rechtsanwalts Dr. Zehme, der auch des Dichters Ehrenrettungübernommen hatte und sich dieser Aufgabe mit feinem Verständnistur die psychologische, an Dostojewski gemahnende Eigenart des in-kriminierten Werkes unterzog. „Grau in Grau hat Conradi gemalt,er hat den Überdruß, den Ekel, das Überlebtsein dargestellt, er hatgezeigt, wie der Mensch im Geschlechtsverkehr beim Mangel festerGrundsätze immer tiefer und tiefer sinkt. Er hat . . . nüchtern undprosaisch gezeichnet, er giefat nicht eine glänzende Schilderung derSinnlichkeit, wie sie Makart malen würde, sondern er zeichnet wieHogarth Grau in Grau. Auch Hogarth zeichnet das Gräßlichste, Ge-meinste, und in der gleichen Weise hat Conradi in seinem Roman ge-schildert. Das Gemeinste hat er aber nicht gezeichnet, obgleich esgemein ist, sondern weil es gemein ist. Die Frage, ob der künstlerischeVorwurf, den sich damit der Autor gestellt hat, ein berechtigter.war,oder ob man nicht vom Standpunkte des guten Geschmacks, der Ästhe-tik oder aus höheren Gesichtspunkten der Ethik die Absicht des Autorsverurteilen kann, sie gehört . . . nicht hierher . . . Ich will gern zu-geben, daß sich vom herrschenden ästhetischen Standpunkte aus be-trachtet, gewisse Brutalitäten, moralische Gemeinheiten in dem Buchefinden, aber was brutal oder sittlich roh ist, das ist um deswillen nochnicht unzüchtig . . . Herr Friedrich ... ist der Ansicht, daß aus derjungdeutschen Schule, die er unter seinen Schutz gestellt hat, derGenius hervorgehen soll und wird, welcher die Literatur der Zukunftund die Zukunft der Literatur beherrscht. Er ist der Meinung, daßdiese Schule, wenn sie ihre Sturm- und Drangperiode überwunden unddie erforderliche Harmonie sich erarbeitet haben wird, dann die herr-schende sein wird, und von diesem vielleicht mehr idealistisch als rea-