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1 (1924)
Seite
105
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I05 CONRADI

„Öffentlichkeit" niemals finden. Scheint doch selbst die Ausgabe vonConradis „Gesammelten Schriften" (München, Georg Müller, 1911),mit der sich Dr. Paul Ssymank und Gustav Werner Peters den Dankaller Literaturfreunde verdienten, über die ersten drei Bände nichthinauszuwachsen; oder hindert noch immer der Spruch des Gerichtsden Abschluß durch Neudruck der beiden verschollenen Romane? DieWirkung solcher starkgeistigen Schöpfungen wird immer beschränktbleiben auf den kleinen Kreis der Zeitgenossen, die sie als eigeneLebensdokumente empfinden, oder der nachspürenden Geschichts-forscher, die den Staatsanwalt als Kulturfaktor ablehnen. Der TypusConradi war ein Experiment, das sich die Schöpfung gestattete. Imbürgerlichen Sinne hat dieser ungemein begabte Sohn einer in wirt-schaftlicher Not verkümmernden Familie zweifellos eine denkbar„schlechte Erziehung" genossen; er war früh ein Einsiedler und erzogsich selbst. So blieb er frei von einem Wust von Vorurteilen der„Zivilisation", die jeder jungen Generation durch „Erziehung" alsScheuklappen anwachsen, und als sich der Jüngling dieses Gegen-satzes bewußt wurde, gefiel sich seine ungebärdige Natur erst rechtdarin, alles abzureißen, was ihn mit der verachteten Zivilisation nochverband — pour epater le bourgeois — und als ein einzelner, neuerMensch der Zukunft dazustehen. Kaum über die Zwanzig hinausschwärmte er davon, sich einmal in die Einsamkeit der Alpen zuverkriechen und die Welt völlig hinter sich zu lassen, die ihn unddie er beleidigte, an der er sich durch den Pamphletstil seinerRomane rächte. Daß er es doch nur, wie er schließlich verzweifelndeinsah, zu einem „Übergangsmenschen" brachte, war die Tragikseines Schicksals:

Ich weiß — ich weiß: Nur wie ein Meteor,

Der flammend kam, jach sich in Nacht verlor,

Werd' ich durch unsre Dichtung streifen!

Die Laute rauscht. Es jauchzt wie Sturmgesang, —

Wie Südwind kost — es gellt wie Trommelklang

Mein Lied und wird in alle Herzen greifen . . .

Dann bebt's jäh aus in schriller Dissonanz . . .Die Blüten sind verdorrt, versprüht der Glanz —Es streicht der Abendwind durch die Cypressen . . .Nun Wen'ge weinen. Sie verstummen bald.Was ich geträumt: sie geben ihm Gestalt —•Ich aber werde bald vergessen . . .

In solchen, eines Kleist würdigen Tönen sangen schon die „Liedereines Sünders" ihres Dichters eigenes Grablied. Wohl ihm, daß erden Juni des Jahres 1890 nicht mehr erlebte, er würde seine Verur-