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1 (1924)
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104
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CONRADI I04

Literarische Ereignisse dieser Art, verschieden an Kraft des Aus-bruchs, sind der vorklassische Sturm und Drang, die Romantik, das„Junge Deutschland" der dreißiger Jahre, der Sturm des Naturalismuszu Anfang der wilhelminischen Ära, vielleicht die jüngste Vergangen-heit oder Gegenwart. Je schroffer sie der Zeit, in die sie hinein-platzen, Ärgernis bereiten, um so stärker ist ihre Wirkung in eineunberechenbare Zukunft; je schneller sich die Umwelt mit ihnen ver-söhnt, das Ewig-Gestrige sie zu seiner öden, mechanischen Galvano-plastik verbraucht, um so geringer war ihr Kulturwert. Die Literatur,die von solchen Eruptionen nicht mehr erschüttert wird, ist tot; siewird keine tanzenden Sterne mehr gebären, weil sie kein Chaos insich hat.

Die Zivilisation aber haßt dieses Chaos, das von ihr geschaffeneGesetz muß es verdammen. Daraus erwachsen die Prozesse, die alsPrellsteine und Warnungstafeln am Wege der Literatur stehen, über-all da, wo der eine entschlossene Biegung macht oder sich in Ver-zweigungen zu verlieren scheint. Prellsteine dünken sich oft wichtigerals der ganze Weg und alles, was ihn bevölkert. Solch ein Prellsteinwar der Leipziger Prozeß, dem Alberti den Namen „Der Realismusvor Gericht" gab. Der Hergang des Prozesses ist in dem ArtikelAlberti bereits skizziert. Sein Hauptheld sollte Hermann Conradi sein,der Dichter der achtziger Jahre, in dessen Schaffen das chaotischeGären seiner Zeit zum stärksten elementaren Ausbruch kam. Aberals der Gerichtsvorhang hoch ging, war Conradi tot. Von Jugend aufkränklich, war er in Würzburg, wo er sich noch einmal als Studentder Philosophie und der Staatswissenschaften hatte immatrikulierenlassen, um seinen Doktor zu machen, am 8. März 1890 einer schleichen-den Krankheit erlegen. Mit ihm ging eine große Hoffnung der jungenLiteratur zu Grabe, denn seine „Lieder eines Sünders" (1887) mußtenselbst dürre Skeptiker davon überzeugen, was dieser Feuerwein werdenkonnte, wenn ihm Klärung beschieden gewesen wäre. Dieser Klärungstehen Conradis Romane am fernsten, und er würde sie bei gereifteremKunstbewußtsein gewiß bald verleugnet haben, wie er dies schon mitseinen ersten novellistischen Versuchen „Brutalitäten" (1885) tat, dieim Winter 1885/86 auf Schweizer Boden, im Verlag Schabelitz in Zürich,erschienen, da deutsche Verleger den Druck nicht wagten. Sein ersterRoman „Phrasen" (1887) mußte sogar vor seiner Veröffentlichungeine Zensur passieren, die der Rechtsanwalt des Verlegers, Dr. Zehme,ausübte, und ist in seiner ursprünglichen Gestalt nicht erschienen.Aber die „Phrasen" besaßen ebensowenig wie der konfiszierte „AdamMensch", wenn man nicht die Einzelheiten herauslöste und lüsternunter die Lupe nahm, das Zeug dazu, „öffentlich" Ärgernis zu er-regen, weil chaotische Fragmente dieser Art, die aller schmeichelndenÜberredung durch künstlerische Gestaltung spotten, eine solche