Druckschrift 
1 (1924)
Seite
103
Einzelbild herunterladen
 

CONRADIlu 3

Werke (Stuttgart, Cotta) findet sich ein Aufsatz „Über Censur undPreßfreiheit", der aber nicht 1830, sondern 1835 oder 1836 geschriebensein dürfte, denn die „neu aufsprießende Schule", von der er spricht,ist nichts anderes als das „Junge Deutschland". Chamisso plädierthier für eine Art Volkszensur, wie Kaiser Joseph II. von Österreichsie während seiner kurzen Regierungszeit eingerichtet hatte: jeder,dessen Stellung hinreichende Bürgschaft für seine Anhänglichkeit andas Bestehende gewährt, ist persönlich verantwortlich und kann auchmit seinem Namen für andere bürgen. Über die Gefährlichkeit einerSchrift entscheidet eine „das öffentliche Gewissen vertretende Jury".Chamissos Abneigung gegen alle Anonymität geht so weit, daß erselbst von den Regierungen verlangt, sie müßten ihre offiziösen Artikeldurch ihre Minister unterzeichnen lassen. Allerdings, setzt er klein-laut hinzu, seine Vorschläge seien nur für den Staat gedacht, in demzwischen Regierenden und Regierten Friede herrsche, andernfallswisse er nicht zu raten, und das Wichtigste, wer die entscheidendeJury bilden soll, läßt er unerörtert. Einen zweiten Aufsatz Cha-missos über dasselbe Problem veröffentlichte G. A. Bogeng in seiner„Vierteljahrsschrift für angewandte Bücherkunde" (I, 1). Darin er-zählt Chamisso selbst das Zensurerlebnis mit Berangers „Karten-legerin". —

Ein Zensurstrich war schließlich das letzte irdische Geschäft, das denDichter auf seinem Totenbett bekümmerte. Der Leipziger Zensor hatteaus einem für den Musenalmanach bestimmten Beitrag eines schwä-bischen Dichters einige Strophen gestrichen; Chamisso sollte ent-scheiden, ob das Gedicht trotzdem zu drucken sei. Als der Brief desVerlegers in Berlin eintraf, lag der seit Jahren kränkelnde Dichterohne Bewußtsein; er erwachte noch einmal aus der Lethargie, am17. August 1838, las den Brief und bestimmte den Druck des Gedichtestrotz der Kürzung; dann schlummerte er wieder ein, und vier Tagespäter war er hinüber. (Vgl. Chamissos Werke, hrsg. von Hitzig VI, 103 f.)

CONRADI, HERMANN (1862—1890).

„Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Sterngebären zu können." Dieses Zarathustrawort bezeichnet ein Ent-wicklungsgesetz auch der Literatur. In ungleichen Zwischenräumenbricht durch die starr gewordene Form des anerkannt „Schönen" einechaotische Urkraft hindurch und speit Erz und Schlacke, unlösbar ver-schweißt, empor. Zwischen grotesken Versteinerungen, die den Er-forscher prähistorischer Literatur aufregen, liegen da eigentümlichverknorpelte Klumpen, mit wie unbewußter, fester Linienführung, andie sich das Auge nur langsam gewöhnt, zuletzt freudig anschmiegt,funkelnde Bruchstellen mit Ahnungen neuer Farben, gewichtigeStufen alt bewährten Metalls, aber auch Proben unbekannter Minerale.