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1 (1924)
Seite
101
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IOI v. CHAMISSO

Streich. Auf einem literarischen Sommerfeste in Berlin brachte Cha-misso folgenden Trinkspruch aus, der ganz von dem frommen Optimis-mus durchglüht ist, der den Dichter zeitlebens erfüllte:

O lasset uns in dieser düstern, bangen Zeit,Wo hochanschwellend, donnernd der Geschichte StromDie starren, lang gehegten Eisengitter sprengt,Das neue Leben unter Trümmern bricht hervor,Und sich in Stürmen umgestalten will die Welt —O lasset uns ihr Freunde — rings verhallt das LiedUnd unserm heitern Saitenspiele lauscht kein Ohr —Dennoch die Gottesgabe des Gesanges treuIm reinen Busen hegen, wahren; daß vielleichtWir, hochergraute Barden, einst die Sonne nochMit Hochgesang begrüßen, welche das GewölkZerteilend die verjüngte Welt bescheinen wird.Prophetisch, Freunde, bring' ich dieses volle GlasDer fernen Zukunft einer andern Liederzeit.

Diese Verse sollten in einer Berliner Tageszeitung erscheinen. DerZensor aber verbot den Druck, weil sie „eine Hoffnung ausdrückten,die man in den jetzigen Stürmen nicht hegen, am wenigsten öffentlichaussprechen dürfe"! So berichtet der Berliner Korrespondent desStuttgarter ..Morgenblatts" vom 10. August 1831. Die Verse scheinenzuerst in der zweiten Auflage der „Gedichte" 1834 veröffentlichtworden zu sein. — Chamisso hatte aber noch anderes auf dem Kerb-holz, und nicht nur bei den Berliner Zensoren. Es existiert ein Briefdes damaligen Kronprinzen, spätem Königs Friedrich Wilhelms IV.an den Dichter vom 16. März 1836 (mitgeteilt in der „AllgemeinenLiterarischen Correspondenz", 1878. Nr. 24) : eine dringende Ein-ladung, ihn zu besuchen, und das schmeichelhafteste Lob seiner Schrif-ten ; unversehens aber fällt dabei auch der Hieb: „ . . . sogar den gott-losen Beranger haben Sie nicht übersetzt, sondern verdeutscht — ichwollte, Sie hätten ihn zerdeutscht!" Chamisso war ein begeisterterVerehrer seines Landsmannes Beranger und hat ihn durch meister-hafte Übertragungen dem deutschen Publikum nahegebracht; auchseine eigene Poesie verrät den starken Einfluß dieses Franzosen. Dasaber war ein großes Verbrechen. Berangers „Chansons" (Paris, Chezles Marchands de Nouveautes. 1821) waren sogar in Frankreich ver-boten, und seine „Chansons inedites" (1828) hatten ihren Verfasser vordas Pariser Zuchtpolizeigericht gebracht, das ihn zu neun MonatenGefängnis und 10 000 Francs Geldstrafe verurteilte. Die „Chansons"hatte man am 31. August 1822 auch in Preußen verboten, da nach demUrteil des dortigen Oberzensurkollegiums ihr „wirklicher oder ver-meinter" Witz „durchweg frevelhafte Nichtachtung alles dessen was