9g v. CHAMISSO
der Julirevolution 1830 hervortrat. Chamisso, der 1790 als Kind mitseinen Eltern vor der Französischen Revolution nach Deutschlandgeflohen und 1796 nach Berlin gekommen war, setzte auf die Be-wegung des Jahres 1830 große Hoffnungen, die sich allerdings nichterfüllten. Die Nachricht von der Julirevolution begeisterte ihn so, daßer unangezogen wie er war, nur in Schlafrock und Pantoffeln, ohneHut mit dem Extrablatt der „Preußischen Staatszeitung" vom 3. Au-gust zu seinem Freunde Hitzig stürmte. Auf seinem Arbeitsfelde, imBerliner Botanischen Garten, war auch er so etwas wie eine exotischePflanze aus fremden, fernen Zonen, aber in der selbstgewählten Ein-samkeit seiner Wissenschaft beobachtete er wie von einer „Einsiedeleiim Gebirge" das öffentliche Leben mit dem geschärften und un-befangenen Blick eines Mannes, der die Welt gesehen und „abwech-selnd in verschiedenen Jahrhunderten" gelebt hatte. Wie kindlicherschien ihm die vor jedem frischen Luftzug erschauernde Angstdieser Menschlein ringsum, die das gewaltige Schicksal des Vater-landes, das auch er aus vollem Herzen jetzt das seine nannte, nurzermalmt, nicht erhoben zu haben schien! Ihnen gegenüber kam ersich mit seinem früh ergrauten Haare alleweil „zu jung" vor! AufSchritt und Tritt fühlte sich sein Spott herausgefordert, und in seinenBriefen der zwanziger Jahre, besonders denen an seinen Jugendfreundde la Foie, sprüht es von bittern, ironischen und witzigen Ausfällengegen die „zeitgemäße Vormundschaft, unter welche Druck-, Red-und Lehranstalten unter uns gesetzt worden sind". In jedem Dorfe,schreibt er im Januar 1825, „ist eine gelehrte Gesellschaft oder zwei,wir haben zwei Chinesen auf einer Universität und drei Sanscrit-Druckereien sind in verschiedenen Städten unablässig beschäftigt. Nuretwas Deutsches drucken zu lassen, hat Schwierigkeit. — Wir lesenden ,Constitutione!' und erfahren beiläufig aus der Hamburger Zei-tung, was bei uns vorgeht, — in unserer steht, wer im Ausland über100 Jahre gelebt hat, und welche Frauen mehr als drei Kinder geborenhaben". — „Wenn Flüche Knochen wären," ruft er ein andermal(3. August 1822), „müßte ich an allen denen ersticken, die mir tagtäg-lich in dem Rachen stecken bleiben, ohne zu hoffen, daß sich irgendein Storchschnabel in der Welt findet, der stark genug sei, sie mirherauszuziehen. Aber, aber, es ist doch nicht aller Tage Abend, undich fürchte und glaube fast, daß endlich Feuersbrünste denen gräßlichleuchten werden, die ihre Augen dem Schein der Sterne verschlossenhaben." Solcher Prophetenworte finden sich allenthalben in seinenBriefen. „Die Welt dreht sich unmerklich herum," heißt es am 30. Au-gust 1821, „die Zeit läßt sich nicht zurückschrauben. Es scheint mirEuropa des Ersten Besten zu harren, der die Segel dem nahendenWinde der liberalen Ideen ausspannend, es am Schlepptau bugsire,wohin er wolle." Chamisso sah das „Schwert der Widersacher nur
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