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1 (1924)
Seite
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v. CHAMISSO 9 8

auf den Ämtern fortgeführt. Solch ein handschriftlicher Katalog hattenatürlich auch vorher schon bestanden; bei Josephs Regierungsantrittumfaßte er nicht weniger als 38 Bände in Folio! (Vgl. Gnau, „DieZensur unter Joseph IL", S. 213.) Dieser ungeheure Umfang erklärtsich vielleicht daraus, daß zu den Titeln auch die Begründungen dereinzelnen Verbote eingetragen waren.

Auch in andern Staaten weckte das Beispiel Österreichs Nacheife-rung. 1770 brachte Bayern solch einen Katalog heraus. Er hieß:„Catalogus verschiedener Bücher, so von dem Churfl. Büchercensur-collegio theils als religionswidrig, theils als denen guten Sitten, theüsauch als denen Landfürstlichen Gerechtsamen nachtheilig verbothenworden. Verlegts Johann Nepomuch Fritz Churfürstl. alcademisch-und bürgerlicher Buchhändler in München nächst dem schönen Thurm.München 1770". Die bayrische Ausbeute an gefährlicher Literaturwar aber überraschend gering: auf nur 13 Seiten sind rund 100 Bücheraufgezählt, meist Schriften gegen Jesuiten, Mönchswesen usw. Da-neben allerdings Standardwerke der Weltliteratur: Boccaccio undCrebillons „Sopha", La Mettries „Oeuvres", zahlreiche Schriften vonRousseau und Voltaire, des Febronius „De Statu Ecclesiae" und Ja-kob Böhmes „Von Christi Testament" (1682). Zu diesem Buch machtdie Redaktion des bayrischen Katalogs den summarischen Zusatz:„Nebst allen übrigen Schriften dieses Fanatischen Schusters vonGörlitz"! —

Übrigens waren solche Kataloge verbotener Bücher keineswegs eineösterreichische Erfindung. Seit 1510 schon gab es von einem „Indexlibrorum prohibitorum" unzählige Spielarten, unter denen der ammeisten genannte der katholischen Kirche eine besondere Rolle spielt.Näheres darüber siehe unter: Index.

v. CHAMISSO, ADALBERT (1781—1838).

Im Oktober 1818 kehrte Chamisso von seiner Weltreise zurück, aufdie er 1815 als Naturforscher eine russische Expedition begleitet hatte,und im nächsten Frühjahr wurde er bei den botanischen Sammlungenin Berlin angestellt, deren Verwalter er bis kurz vor seinem frühenTode blieb. 1813 hatte er sein Märchen „Peter Schlemihls wunder-same Geschichte" geschrieben, das Freund Fouque 1814 in Nürnbergbei Schräg herausgab ; kaum ein zweites Werk deutscher Zunge errangeine so internationale Beliebtheit, wie dieses deutsche Buch eines ge-borenen Franzosen; die von Ph. Rath gesammelte „BibhothecaSchlemihliana" (Berlin, Martin Breslauer, 1919) gibt davon das ruhm-lichste Zeugnis. Der zweiten Ausgabe des Märchens (1827) fugteChamisso einen Anhang von Liedern und Balladen hinzu. Eine selb-ständige Ausgabe seiner Gedichte erschien erst 1831, nicht in Berlin,sondern in Leipzig, und es ist gewiß kein Zufall, daß sie so bald nach