97 CATALOGUS LIBRORUM PROHIBITORUM
So war sehr bald der Katalog der verbotenen Bücher zu einem ge-suchten Führer geworden, der, wie Nicolai sagte, die klugen Leute dieklugen Bücher erst kennen lehrte, aber auch die schlechten Leute dieschlechten! Statt vor der anstößigen unmoralischen, kirchenfeind-lichen und gotteslästerlichen Literatur zu warnen, war er durch seineunvorsichtige Geschwätzigkeit zugleich geradezu eine Wünschelrutefür die unsaubersten literarischen Quellen geworden, deren Fundstelleer jedem Laien verriet. Er wurde daher von Liebhabern und Samm-lern jeder Art fleißig benutzt. Der Schriftsteller Groß-Hoffinger ver-sichert in seinen „Memoiren eines ausgewanderten Österreichers"(1834, unter dem Pseudonym: Hans Normann, S. 62), er kenne einenWiener, der sich mit bedeutenden Kosten auf Grund jenes Katalogseine komplette Sammlung librorum prohibitorum angelegt habe undsich schlechterdings darauf kapriziere, nichts als diese zu lesen. Eshabe damals Händler gegeben, die nur verbotene Bücher umsetzten,deren Inhalt durch Aufnahme in den Zensurkatalog empfohlen war;der berühmte Buchhändler Binz — Franz Gräffer schildert diesenBüchertrödler in seinen „Kleinen Wiener Memoiren" (Wien 1845. II19ff.) — habe sich durch solche Geschäfte ein ungeheures Vermögenerworben, u. a. seien Thomas Paynes Schriften, da sie verboten waren,mit 200 Fl. Bankozettel bezahlt worden. Binz bezog übrigens dieHauptmassen seiner Vorräte aus — aufgehobenen Klöstern.
Daß dieser Mißbrauch des Katalogs die notwendige Folge seinerExistenz und seiner ungehemmten, von den Behörden sogar begünstig-ten Verbreitung sein mußte, sah schließlich, als es zu spät war, auchdie Zensurhofkommission ein, und der schwunghafte Handel der Wie-ner Verleger und Buchhändler mit dem Katalog der verbotenenBücher fand 1777 ein plötzliches Ende: er wurde selbst auf den Indexgesetzt und war nur noch Beamten und „erga schedam" (schriftliche,nur persönlich bewilligte Erlaubnis) Gelehrten zugänglich, die ihn vonAmts oder Geschäfts wegen brauchten. Damit hörte der Wettlaufder verschiedenen Konkurrenzausgaben des Katalogs auf; anscheinenddurfte nur Kaliwod 1780 noch einen Nachtrag herausbringen. Indiesem Jahre begann die Regierung Kaiser Josephs IL, dessen baldeinsetzende Zensurreform den bisherigen Katalog der verbotenenBücher für ungültig erklärte und zahlreiche Schriften von Abbt, Base-dow, Bernis, Bodmer, G. A. Bürger, Chesterfield, Goethe, Haller,Home, Jacobi, Moses Mendelssohn, Schroeckh, Süßmilch, Zimmer-mann, Yorick (Sterne) und anderen nun endlich aus der Haft entließ.Was man bisher nur Gelehrten oder Protestanten „erga schedam" zulesen erlaubt hatte, wurde alles freigegeben; die unbedingt verbotenenWerke wurden einer nochmaligen Zensur unterworfen und daraufhinein neuer Katalog der verbotenen Bücher angefertigt. Aber dieserwurde nicht mehr im Druck veröffentlicht, sondern nur handschriftlich
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