8 9 BROCKHAUS' KONVERSATIONSLEXIKON
Charakter des Werks nicht darüber verloren ginge" und man ihm eine„gewisse zeitgemäße Liberalität" einräume, für die sich gewiß einMittelweg finde, der „der österreichischen Regierung zusage, demPublikum recht sei und dieses zugleich erziehe". Aber als ein WienerBuchdrucker bei der Polizei anfragte, ob er die beiden Bände über-haupt werde drucken dürfen, erklärte die Polizei kategorisch Nein!und fügte noch die vielversprechende Drohung hinzu: „Herr Brock-haus steht bei uns in solchem Lichte, daß wir für die Zukunft alleBrockhaus'schen Artikel für die österreichischen Staaten gänzlich ver-bieten werden, ganz wie es die preußische Regierung bereits getanhat." Und diese Drohung blieb kein leerer Wahn: im Oktober 1821wurde eine ganze Hekatombe Brockhausscher Verlagswerke in Wienverboten, Fürst Metternich höchstselbst brachte die Verfügung mit,als er in diesem Monat Leipzig besuchte, und Adam Müller berichteteam 21. schadenfroh an Gentz: „Brockhaus hat die ganze vom Fürstenanhergebrachte Dosis bis auf den letzten Tropfen empfangen. Für dieWirkung hafte ich nicht, desto mehr für den Schrecken." Dabei klagteer selbst über dies „nichtswürdige Wesen" der Zensur, denn man hatteversehentlich sogar ein Werk mitverboten, das durch seine eigene Ver-mittlung in den Verlag Brockhaus geraten war und sich dort merk-würdig genug ausnahm, ein anonymes Buch über „Spanien und dieRevolution" von dem württembergischen Freiherrn v. Hügel; diesesVerbot nannte Metternich selbst „skandalös", und es wurde zurück-genommen. Auf die neuen Supplementbände des Lexikons durftendie österreichischen Buchhändler bei ihren bisherigen Kunden keineSubskription eröffnen, ehe die Bände die Wiener Zensur passierthatten. Und auf alle seine ebenso zahlreichen wie beweglichen Ein-gaben an Sedlnitzky, ihm „menschlich entgegenzukommen", wurdeBrockhaus überhaupt keiner Antwort mehr gewürdigt, obgleich derVorsteher des Bücherrevisionsamtes, der berüchtigte Sartori, ihm dieschönsten Versprechungen machte, selbst die österreichischen Artikelbearbeiten und alles für ihn tun wollte. Es blieb bei dem Verbot, unddas Konversationslexikon durften in Österreich nur solche Leute be-sitzen, die zu den vom Grafen Sedlnitzky bezeichneten Kategoriengehörten. Brockhaus hatte gewiß nicht Unrecht, wenn er bald daraufeinem Freunde schrieb: „Und diese Menschen, die solche Albernheitenverordnen, die wollen die Welt durch Congresse und Bajonetteregieren! Wir sehen, fürchte ich, noch großen Bewegungen entgegen."Seine Nachgiebigkeit Österreich gegenüber wurde obendrein bekanntund ihm von unentwegten Liberalen sehr verübelt. Ludwig Börnelas dem Verlag in seinen „Briefen aus Paris" unterm 13. Januar1831 sehr ernsthaft die Leviten darüber, daß er aus „Kramerei" allesFreisinnige im Lexikon ausgelöscht habe: „Ist es nicht entsetzlich,daß es in Deutschland Gelehrte gibt, die Geist, Herz und Ehre bogen-