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1 (1924)
Seite
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67 BÖRNE

Dickbäuchigen fühlt man sich sicher. Große Schriften sind unge-hindert in ihrem Laufe, die kleinen bleiben manchmal hängenDat veniam corvis, vexat Censura columbas." Ein Tagesblatt,das nicht nur Kunst und Wissenschaft, sondern zum erstenmal alleFragen des Bürgerlebens behandeln, das den unmündigen deutschenBurger aus der „Staatskleinkinderstube" hinaus an die frische Luftunbefangener, rücksichtsloser Diskussion bringen, das ein Tagebuchder Zeit sein wollte, hatte vor jeder damaligen Zensur- und Polizei-behörde einen weit schwierigeren Stand als eine Monatsschrift mitumfangreichen Heften. In Preußen unterstand die Zensur der poli-tischen Zeitungen unmittelbar dem Ministerium des Äußern, und ihrHerausgeber bedurfte einer Konzession, die je nach dem „Vertrauen",das amtlich vorwaltete, bewilligt oder verweigert wurde. In Frankfurt,dem Sitz des Bundestags, dürften die Kautelen ebenso ängstlich ge-wesen sein. Jedenfalls sah Börne zur Ausführung seines Planes keinenandern Weg als den, Bücher statt Blätter zu schaffen, und er bereiteteseine Leser auch darauf vor, daß sie ab und zu „unnützes Werg" vor-finden würden: „Sie haben sich nicht ausgestopft, um sich zu brüsten,sondern nur um dicker und beliebter zu werden." Bei solchem Umfangdurfte die „Wage" zensurfrei vor die Öffentlichkeit treten. Den Inhaltder Hefte bestritt Börne zum größten Teil selbst; das größte Aufsehenmachten seine Theaterkritiken unter der Rubrik „Frankfurter Volks-bühne", die ihm andrerseits auch manche Rempeleien mit krankhafterSchauspielereitelkeit eintrugen. Selbst Friedrich v. Gentz empfahlBörnes dramaturgische Blätter als „das Geistreichste, Witzigste, wasje geschrieben wurde"; seit Lessing, sagte er zu Rahel Varnhagen,seien solche Theaterkritiken nicht erschienen; mit dem politischenZunder, von dem auch diese Kritiken durchsetzt waren, konnte sichder österreichische Hofrat natürlich nicht befreunden. Das erste Heftmußte schnell in zweiter Auflage erscheinen, und Joseph Görres, RahclVarnhagen und der Geheimrat v. Willemer, der Gatte von GoethesSuleika, wurden Mitarbeiter des neuen Unternehmens. Aber Endedes Jahres schon begann der so reich flutende Strom zu versiegen:das sechste und siebente Heft erschienen nach viermonatiger Pauseerst im April 1819, das achte Heft gar erst im Juli 1820. Ein zweiterRand brachte es nur mehr auf fünf Hefte: das erste gab Börne imAugust 1820 im Selbstverlag heraus, die vier übrigen erst im folgendenJahr bei Heinrich Laupp in Tübingen. Der Verlagswechsel nach demfreien Württemberg läßt darauf schließen, daß Börnes langsameArbeitsweise, die sich übrigens von vornherein nicht zu einem regel-mäßigen Erscheinen hatte verpflichten wollen, durch polizeilicheQuerelen noch mehr verzögert wurde. Daß der Bundestag alle Hebelin Bewegung setzte, das unbequeme Blatt zu unterdrücken, darüberlassen geheime Berichte für die Wiener Staatskanzlei, die Karl Glossy