55 v. BAUERNFELD
wort „Sendschreiben eines Privilegierten in Oesterreich" durfte inWien, wenn auch ohne Orts- und Verlegerbezeichnung, gedruckt wer-den. Die „Grenzboten" waren wenig davon befriedigt, weil seine „leichtPlänkelnde Weise" nicht der wahren Stimmung der beteiligten Kreiseentspreche: „das Heft hat nicht die vernichtende Schärfe, die der Un-sinn und die Effronterie der [Hügelschen] Broschüre verdienen".Dennoch machte es Aufsehen, und eine zweite Auflage soll erschienensein. Die Hügelsche Broschüre aber verschwand bald vom Markte;»in Folge höherer Mißbilligung" mußte der Autor sie zurückziehen:er hatte die Öffentlichkeit gar zu sehr in die Karten der Regierungblicken lassen! — Als dann schneller, als Bauernfeld selbst geahnt,öie Prophezeiung des Grafen Kolowrat sich bewahrheitete und derAdressensturm des Jahres 1848 auch in Wien losbrach, war Bauern-teld der erste, der die Forderung der Preßfreiheit in solch einem Doku-ment formulierte und auch persönlich vertrat. „Meine Adresse liegtüberall auf, hat zahllose Unterschriften", heißt es schon am II. März1848 in seinem Tagebuch. „Gestern wurde sie den Ständen überreicht.Die Polizei sieht schweigend zu, die Regierung ist verduzt." Im Fe-bruar noch, nach den Pariser Ereignissen, hatte man ein „oberstesZensurkollegium" ernannt und aufregende Stücke wie Bauernfelds„Deutschen Krieger" und „Großjährig" schleunigst vom Repertoire ge-strichen. Zu spät! donnerte der März den verzweifelnden Machthabernin die Ohren, und eine Wiener Karikatur konnte das feierliche Leichen-begängnis der Zensur verherrlichen.
Die in Wien noch schneller als anderswo erstarkende Reaktionbrachte sie aber bald wieder zur Auferstehung, und Bauernfelds Zen-surdenkwürdigkeiten begannen ein neues Kapitel. Der Ernst der Ok-toberereignisse scheuchte den Dichter wieder in seine Klause zurück,und als die Militärgewalt Wien beherrschte, versenkte er sich in dieGeschichte Franz v. Sickingens, die er dramatisierte. Daneben fandsich auch wieder die Laune zu einem Lustspiel ein, das als ein Nach-spiel zu „Großjährig" mit denselben, bis dahin so wirksamen Figurenarbeitete. Der Direktor des Burgtheaters, Franz v. Holbein, erzähltBauernfeld in seinem Erinnerungswerke „Alt- und Neuwien", wagtenicht, das Stück mit dem schon bedenklichen Titel „Der neue Mensch"zur Aufführung zu bringen, wies es einfach zurück. „Ich beklagte michüber diese Engherzigkeit in einem mir befreundeten Hause, schimpfteweidlich über die Theaterzensur und Polizei, auch über die Militär-diktatur. Der Hausherr, zugleich Hausarzt bei Weiden, fragte mich,ob er mit dem Feldmarschallleutnant über die Sache sprechen solle.,Was wird das helfen?' meinte ich verdrießlich, schlug mir die Sacheaus dem Kopfe. — Am nächsten Morgen trat eine Ordonnanz zu mirins Zimmer. Will man mich verhaften? dachte ich. Der Mann brachteaber ein Schreiben des Gouverneurs, welches ich leider als Autograph