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1 (1924)
Seite
54
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v. BAUERNFELD 54

Österreich gedruckt verteilt; ein Vers darin: „Deutschland ein mäch-tiger Verein" ward von der Zensur gestrichen oder verändert, wie desDichters Tagebuch erzählt. Bei einem Festmahl zu Ehren des Na-tionalökonomen Friedrich List, dessen Namen die Geschichte derEisenbahn und des Zollvereins ruhmvoll bewahrt, sprach Bauernfeldein Gedicht „Zollverein", das mit den Worten schloß: „Und wann dieGedanken erst zollfrei sind, Dann wollen wir weiter sprechen !" WenigeTage später, am I. Januar 1845, mußte er sich dieserhalb und wegenseiner „Freiheitsreden" bei seinem Vorgesetzten, dem Präsidentenv. Kübeck, verantworten. Er wurde „väterlich" ermahnt, nicht gegenseinen Beamteneid zu handeln, er verschließe sich sonst seine Zukunftusw. Bauernfeld antwortete, daß er im Notfall entschlossen sei, denBeamten für den Schriftsteller aufzugeben, und beschwerte sich beiseinem Gönner, dem Grafen Kolowrat, der über die Engherzigkeit desKollegen die Achseln zuckte und andeutete, daß die Zurechtweisungdurch Kübeck von Metternich selbst veranlaßt worden sei. Im Junidesselben Jahres war Bauernfeld wieder bei Kolowrat, und als erdiesem seine Absicht kundgab, trotz seines Alters noch aus Österreichauszuwandern, um der ewigen Zensurplackerei zu entgehen, erhielt erdie denkwürdige Antwort: „Heben Sie alles auf, was Sie schreiben!Die Zeit wird kommen, bald kommen, wo Sie es brauchen können. In-zwischen machen Sie alle Jahre ein Stück wie der ,Deutsche Krieger'."In seinem Tagebuch fügt Bauernfeld hinzu: „Im Journal sollte manwirken können. Da gilt das lebendige Wort, wie's aus dem Lebenfließt, das wirkt heut, für heute! Morgen ist was Neues. Ich schämemich bisweilen, daß ich noch an Lustspiele denke. Aber mit .Groß-jährig' will ich sie wenigstens ärgern." Das gelang ihm denn auch,wie oben erzählt, vortrefflich, und er hat auf diese Weise viel tiefergewirkt als durch alle Journalartikel und Petitionen. Die vorhin er-wähnte Wiener Schriftstellerpetition vom Jahre 1845 erfuhr übrigensdoch eine, wenn auch nicht offizielle, Antwort. Der Direktor des Hof-und Staatsarchivs Clemens v. Hügel veröffentlichte 1847 bei Rohr-mann in Wien eine anonyme Flugschrift ..Über Denk- Rede- und Press-freiheit", die nicht mit Unrecht von den Zeitgenossen als eine Kund-gebung des Staatskanzlers selbst aufgefaßt wurde, enthielt sie dochAnsichten, die sich im wesentlichen mit den seinigen deckten. Sie gingvon der Prämisse aus, daß der Menge ganz gleichgültig sei, was sielese, wenn sie nur überhaupt Lesestoff erhalte, so wie Belagerte inder Not auch Pferdefleisch essen! „Literarisches Pferdefleisch lieferteWien allerdings eine Menge", antworteten die „Grenzboten", die heftiggegen die Schrift losgingen (1847 IV, 175. 222. 347. 490.). AuchBauernfeld schrieb „brühwarm" dagegen. Die Hügelsche Broschürehatte in Wien mit Zensur erscheinen dürfen, der Gegenstand war da-mit zur öffentlichen Diskussion gestellt, und Bauernfelds anonyme Ant-