53 v. BAUERNFELD
,,von Allem aber, was Fesseln scheut, kann nichts so wenig sie er-tragen, als der Gedanke des Menschen" — ein jugendlicher Ausspruch,den der spätere Reaktionär durch seine Wirksamkeit in Österreich unddurch Metternich auf den Deutschen Bund unzählige Male verleugnetatte. Der Verfasser der Broschüre war nicht genannt, blieb abernicht verborgen. „Das Ding machte einiges Aufsehen", erzählt Bauern-feld in „Alt- und Neu-Wien"; „daß ich der Verfasser sei, wußte nie-mand außer Rüge, doch hatten meine Freunde und Gönner am Stil undan gewissen Lieblingsredewendungen mich bald als Autor erkannt, alswelchen ich mich auch gar nicht verleugnete. Die Zensur, wie sie esbereits seit lange gewöhnt war, drückte alle ihre ehemaligen Argus-augen zu, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre, mir als Beamten (ichhatte es inzwischen zu der hohen Würde eines Lotteriedirektionskon-zipisten gebracht!) den Prozeß zu machen. So fuhr ich denn ungehin-dert fort, in Rede und Schrift zu frondieren, und durfte in den ver-schiedenen geselligen Kreisen, denen ich angehörte, als eine Artliberaler Vorkämpfer gelten." Außerhalb Österreichs und ohne Zustim-mung der Wiener Zensur etwas drucken zu lassen, war jedem einhei-mischen Autor verboten; wieviel mehr einem Beamten. Daß manBauernfeld dennoch laufen ließ, verdankt er gewiß der außerordent-lichen Mäßigung, die er in dem Schriftchen bewiesen hatte. Verlangteer doch nichts mehr als die Anwendung des österreichischen Zensur-gesetzes von 1810, das zwar noch immer gültig war, aber in der Praxisvöllig auf den Kopf gestellt wurde: Man müsse doch wenigstens in denK. K. Staaten das drucken lassen können, was von auswärts ohneHemmung eingeführt werden dürfe! Bauernfeld verlegte nicht un-geschickt den Schwerpunkt der ganzen Erörterung auf die rein wirt-schaftliche Seite; er wies den Vorteil nach, den das österreichischeDruckgewerbe von dem Verlag der einheimischen Literatur habenmüsse, und wieviel es jährlich verliere, wenn alles ins Ausland gehe.Im übrigen waren seine z. T. historischen Ausführungen so bescheidenund mit so viel „dürfte", „könnte", „möchte", „scheint" usw. verklau-suliert, daß allerdings die Regierung sich glücklich schätzen konnte,die peinliche Frage von einem Österreicher in einer so zahmen Formbehandelt zu sehen, wenn sie auch nicht im entferntesten daran dachte,auf die Forderungen des Dichters ernsthaft einzugehen. Natürlich warder Verkauf des Schriftchens in Österreich offiziell verboten. DreiJahre später bildeten die „Pia desideria" Bauernfelds die Unterlagefür eine Petition der gesamten Wiener Schriftsteller an Metternich,die auch nichts weiter verlangte als die Anwendung des, der Praxisgegenüber als Rettung empfundenen Zensurgesetzes von Anno 1810und — ebenso unbeachtet blieb. — Auch als Redner und Gelegenheits-poet eckte Bauernfeld um diese Zeit oftmals an. Bei einem Fest desGewerbevereins am 10. Mai 1842 wurde ein Gedicht Bauernfelds auf