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1 (1924)
Seite
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33 v. ARNIM (BETTINA)

hatte sich von seiner ursprünglichen Vollkommenheit so viel bewahrt,daii der reiche Torso noch die höchste Bewunderung aufzwingt.

Mit diesen ungetrübten Augen betrachtete sie nun die Welt, in dersie lebte. Und die Tränen traten ihr in die Augen und fielen auf dieBriefe, die sie an den König richtete, den sie sich zum Märchenprinzenihrer Jugend umgedichtet hatte, wie sie das immer tat mit Menschen,die sie liebte, mochte es sich nun um Goethe handeln oder um ihrenBruder Clemens Brentano oder jetzt um ein gekröntes Haupt. Wennihr ein tiefes Leid zu Ohren kam, wenn ein Unrecht zum Himmelschrie oder ein starres Recht seine Tyrannei aufs Äußerste trieb, trugsie ihre Klage an den Thron des Königs. Was sie zur Linderung barerNot, zum Schutz ungerecht Verfolgter, zur Milderung des SchicksalsVerurteilter getan und auch zum Teil erreicht hat, braucht hier nichterst mit allbekannten Namen bezeichnet zu werden. Politisch und reli-giös durchaus freigesinnt, gläubig nur gegenüber dem unzerstör-baren Adel des Menschentums, predigte sie dem Fürsten eine neueDreieinigkeit des Gewissens, des Selbstbewußtseins und der Unsterb-lichkeit. „Du bist ein Bürger in den Regionen der Schönheit und derGerechtigkeit," ruft sie ihm zu, „Du mußt Dein Bürgerrecht auslösen !"Jeder Brief war ein Hymnus, der in sibyllinischen Wendungen vonhoher poetischer Schönheit seinen Empfänger zu scharfem Nachdenkenzwang. Denn Bettinas Geist barg die Elemente eines großen Dichters,kostbares Erz der Poesie, das in zahllosen Adern und Bruchstellenblitzte und gleißte, nur in so chaotischer Wirrnis, daß nie ein volles,abgerundetes Kunstwerk daraus entsprang. Und dem romantischenSinn des Königs ging dieser Sphärenklang süß ein, er bestrebte sichernsthaft, mit der Sängerin gleichen Schritt zu halten, und wenn ersich auch vielen ihrer umstürzenden politischen und sozialen Forde-rungen aus den Bettina so unbegreiflichen und verhaßten Staatsgrün-den versagen zu müssen glaubte, so ist ihr vielfach erfolgreicher Ein-fluß auf ihn hauptsächlich der schmeichelnden Geschicklichkeit zu ver-danken, mit der sie ihn von der poetischen Seite zu fassen wußte, auchwenn die „Staatsraison" sich dagegen auflehnte.

Aus dem Geist dieser Briefe an Friedrich Wilhelm IV., dem sie per-sönlich nur selten und flüchtig begegnete, entstand 1843 ein Buch, dassie demselben Fürsten zu widmen gedachte. Ihr Freund, der allmäch-tige Alexander v. Humboldt, verschaffte ihr die Erlaubnis dazu. Wennsie ihm mehr aufbürde und zumute, als ihm gebühre, hatte ihr derKönig scherzend sagen lassen, werde er öffentlich in allen Zeitschriftengegen sie zu Felde ziehen. „Dies Buch gehört dem König" (2 Bände.Berlin, E. H. Schröder, 1843) lauteten Widmung zugleich und Titel.Vielleicht war ursprünglich noch eine weitere einleitende Widmunggeplant, die mit den Worten „Geliebter König" begonnen haben soll,doch scheint sie verschollen zu sein. Am 23. Mai 1843 vollendete Bet-

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