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1 (1924)
Seite
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v. ARNIM (BETTINA) 3 2

Zeit den Büchern der geistsprühenden Frau mit Schere oder RotstÜ'ernstlich zu nahe getreten wäre — die Kämpfe gingen immer nur umdes Kaisers Bart, um lächerliche Kleinigkeiten, um reine Formalitäten,aber wurden von beiden Seiten mit einer Erbitterung geführt, die in'umgekehrten Verhältnis zu ihrer wahren Bedeutung stand; von Bettinaobendrein noch mit dem ihr eigenen koboldhaften Übermut, der denheiligen Bureaukratius in eine wahre Truthahnwut versetzen mußteund zum Gaudium der Mit- und Nachwelt auch versetzt hat. Und dieseKämpfe begannen nicht etwa mit ihren ersten Büchern, „Goethes Brief-wechsel mit einem Kinde" (1835) und der „Günderode" (1840), dieden noch geltenden strengen Vorschriften der Karlsbader Beschlüssevon 1819 gemäß einer regelrechten Zensur vor dem Druck unterlagen,sondern zu einer Zeit, als der neue König von Preußen, FriedrichWilhelm IV., des Glaubens war, durch sein neues Zensurgesetz vom4. Oktober 1842 der Freiheit der Literatur die langersehnte Gasse ge-brochen zu haben. Und daß Bettina ein besonderer Günstling desKönigs war, mit ihm einen umfangreichen Briefwechsel führte undsich trotzdem mit den Schergen der Zensurpolizei herumbalgen mußte,ist für jene Zeit doppelt charakteristisch und spaßhaft zugleich.

Man möchte wohl immer, wenn etwas „faul ist im Staate Däne-mark", wünschen, daß an das Oberhaupt dieses Staates Briefe ge-schrieben würden, wie sie Bettina einst an König Friedrich Wilhelm Iv\gerichtet hat, Briefe von einem reinen, ursprünglichen Idealismus undeinem so köstlichen Freimut, daß sie damals einen Mann, der sie z' 1schreiben gewagt, zweifellos auf die Berliner Hausvogtei oder min-destens auf eine preußische Festung gebracht hätten. Man nahm dieFrau damals noch nicht so ernst, das schützte sie vor diesem Ende,Bettina war eines von den seltenen Wesen, die uns immer wieder a"einen freiheitlichen Aufschwung des Menschen glauben machen, auchwenn die Flut der organisierten Bureaukratie von Tag zu Tag höhersteigt. Den schweren Panzer von Gesetzen und angeblichen Rechten,von Sitte und Herkommen, von Vorurteilen und Überlieferungen, vonunantastbaren Begriffen und mechanischer Logik, dem der normal 6Staatsbürger seine beste Kraft keuchend zum Opfer bringt, schien sienicht zu fühlen. Ihre Psyche schwebte und tanzte in einem Äthe r >dem keine Erdenschwere anhaftete. Sie dachte so original, so Urmensch'lieh einfach wie ein zeitloser Geist, der plötzlich in das Milieu dCBiedermeierzeit hineingepreßt wird und nun aus dem Staunen und de*Entrüstung nicht mehr herauskommt. „Vernunft wird Unsinn, Wohl'that Plage" — dieses Goethewort trug sie auf reinen Händen tiefste"Menschengefühls wie eine Hostie durch ihr ganzes Leben. Gefühl wa'bei ihr alles, und man durfte ihr nicht mit „praktischen" Erwägunge 11kommen; dann wurde sie bösartig oder auch sackgrob. Nicht unbe'schädigt war dieses Gefühl durch ein langes Leben gekommen, aber eS