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1 (1924)
Seite
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ALEXIS 22

Ihrer Einsicht wie von Ihrem Talent hatte ich Anderes erwartet undsehe mich ungern enttäuscht.

„Berlin, den 2Östen März 1843. Friedrich Wilhelm.

„An den Dr. W. Häring (Wilhelms-Str. 97)."

Diese Kabinettsorder steht auf derselben Höhe wie die ähnlicheGnadenäußerung, die 1794 der Ahnherr Friedrich Wilhelm II. durchseinen Minister Wöllner an den Philosophen Kant hatte ergehen lassen,nur daß des jungen Königs Schroffheit den lästigen Querulanten nochein wenig nachdrücklicher auf seinen „beschränkten Unterthanenver-stand" hinweist, mit dem er den Geist der Regierung nicht begreifenkönne. Wenn man dabei berücksichtigt, daß der sonst so beredte Königauf frühere Einsendungen des Dichters, der ihm seine märkischen Ro-mane „Der Roland von Berlin" (1840) und „Der falsche Waldemar"(1842) überreichen zu müssen geglaubt hatte, nur mit nichtssagendenkurzen Dankschreiben zu antworten wußte, so gewinnt dieser beleidi-gende, sogar nach Treitschke „ungerechte" Brief für den später imWahnsinn endenden König eine symptomatische Bedeutung. Für die Iliberale Presse war der Vorfall natürlich „ein gefundenes Fressen"Georg Herwegh machte im zweiten Bande seiner „Gedichte eines Le-bendigen" (1844. S. 148) auf das „Rescript an Willibald Alexis" dasboshafte Epigramm:

Unser genädigster Herr, seht welch ein Freund des Pikanten:Mit höchsteigener Hand salzt er die Häringe ein,und Heine prophezeite schon in seiner Art einen Umschwung der po-litischen Überzeugung des Dichters: „Der Häring wird ein Sanskülot''spottete er in seinem Gedicht „Verkehrte Welt". Alexis selbst gab dieeinzig würdige Antwort auf die Herausforderung seitens des Königs:er schwieg und scheint sich auch brieflich nur mit der größten Zurück-haltung darüber geäußert zu haben. In seinem dichterischen Schaffenließ er sich dadurch nicht beirren und verzichtete auf „des MediceersGüte" angesichts des Beifalls, den 1846 sein Meisterwerk „Die Hosendes Herrn von Bredow" beim kunstsinnigeren Publikum fanden.

Im selben Jahr 1843 hatte übrigens Alexis noch ein zweites, bishernoch nicht bekanntes Renkontre mit der Berliner Zensur. Er hatte dasvon dem Schriftsteller A. Bernstein (Rebenstein) 1838 gegründeteLesekabinett (Behrenstr. 32) gekauft; diesem war ein Verlag angeglie-dert, die „Buchhandlung des Berliner Lesecabinets". Zu ihren Ver-öffentlichungen gehörte eine Biographie des jungen Handlungsgehilfe! 1Friedrich Staps, der 1809 auf Napoleon ein Attentat versuchte und des-wegen erschossen wurde. Im Nachlaß seines Vaters, eines Predigersin Naumburg, hatte sich das Manuskript gefunden, und als es der Zen-sur vorgelegt wurde, strich diese mehrere Stellen, die sich gegen def>französischen Marschall Ney wandten, der 1815 als Hochverräter ebens 0endete wie Staps — eine merkwürdig zarte Rücksicht des Zensors, d' e