154
Sechster Abschnitt.
„Kluge Rede, zweimal gesprochen, ist nicht klug,„Zucker, einmal genossen, ist genug."
„Wenn Andre nicht den Fehler bei dir schelten,„So wird der Fehler dir als Tugend gelten.„Sprich nicht: „nimm honigsüssen Zucker ein," —„Kann Einem nur Scammonium heilsam sein."
„Ward auch nur Essig mir zum Tranke,„Glaubt nicht, dass ich für Zucker danke:„Denn dem, der sich begnügt mit Wenig,„Gilt gleich der Bettler wie der König."
„Wer giebt, mit Essig im Gesicht,„Den fleh'n um Zucker Edle nicht."
„Nicht Zucker bietet mir Genüsse,„Folgt Zahlens Herbe seiner Süsse."
Der tiefsinnige Dscheläleddin Rümi (1207—1273) erläutertden Satz, dass Gut und Böse bloss zwei Seiten des nämlichen Ur-seins, und nur für den Menschen verschieden seien, mit den Worten:
„In der Grub' ist's Wasser bitter; doch sowie's„In die Traub' verwächst, wird's zuckersüss.„Trinkt der Weise Gift, das Gift ihm Zucker wird;„Schüler macht der Trank betäubt und kopfverwirrfc."
Im „Mesnewi" sagt der Dichter (Hart 124):
„Ein Sumpf erzeugt zwei Rohre; dieser Schaft„Ist hohl, und jener strotzt von Zuckersaft,„Zahlloses so! Vom Einen zu dem Andorn, —„Den Weg gilt's Ewigkeiten zu durchwandern."
Seine Ansicht über die Lösung des Rätsels der Welt spricht erin den Versen aus (Hammer-Purgstall, „Duftkörner aus per-sischen Dichtern«, Sttgt. 1860, 166):
„Die Liebe ist das Licht der Welt,„Durch sie nur wird das Loben heller;„Die Liebe ist das Zuckerwerk,„Und alles andre nur der Toller."
Die orientalische Poesie mag durch Übertreibung und Zierereioft gegen die Gesetze der reinen Schönheit Verstössen haben; inGedanken wie den vorstehenden, hat sie aber Form und Inhalt,beide ihrer Eigenart entsprechend, zu bewunderungswürdigem Ein-klänge ineinandergegossen.