Druckschrift 
Geschichte des Zuckers, seiner Darstellung und Verwendung, seit den ältesten Zeiten bis zum Beginne der Rübenzuckerfabrikation : ein Beitrag zur Kulturgeschichte
Entstehung
Seite
99
Einzelbild herunterladen
 

Die Ausbreitung d. Zuckerrohres nach Westen, u. d. Erfindung d. Raffination. 99

zuerst darzustellen lernte, vorwiegend medizinischen Zwecken diente,so treffen alle die angeführten Umstände zusammen, um den Wert,den die Gelehrten von Gondisapür seiner Gewinnung heimessenmussten, deutlich hervortreten zu lassen. In den, zum Behufe derPharmakopoe angelegten botanischen Gärten der dortigen Schule,dürfte zuerst Zuckerrohr in grösserem, die Bedürfnisse des Einzelnenweit übersteigendem Masse gepflanzt, und seine Verarbeitung aufZucker von wissenschaftlich gebildeten Männern beobachtet underprobt worden sein (Ritter a. a. 0.), und die Zöglinge dieserSchule waren es auch, welche später die allgemeine Einführungdes Zuckers als medizinisches Mittel ins Werk setzten. Es unter-liegt keinem Zweifel, dass Menschenalter darüber vergingen, eheder erste, roheste Prozess der Zuckerdarstellung ausgebildet, unddann wieder verlassen wurde, und dass aufs neue die Arbeit vonGenerationen erforderlich war, um die Läuterungsmethoden zu er-finden und zu verbessern, welche schliesslich zur Gewinnung einesreinen und vollkommenen Produktes führen sollten. Über dieeinzelnen Phasen dieser Wandlungen, welche wohl mindestens einJahrhundert in Anspruch nahmen, ist uns leider keine Kunde er-halten, oder zum mindesten bisher keine solche erschlossen; aberalle Berichte stimmen darin überein, dass, wie die Keime klassisch-litterarischer und wissenschaftlich-medizinischer Bildung, so auchdie Anfangsgründe chemischer Kenntnis dem Oriente durch die Nesto-rianer zugeführt, und von diesen zuerst praktisch verwertet wurden(Meyer, „Gesch. d. Chem." 24 und 41). „In Gondisapür," sagtKremer („Kulturgeschichte des Orients unter den Chalifen", Wien1875; I, 295), „war der Sitz der mit Recht in der Geschichte be-rühmten Hochschule der Naturwissenschaften, aus der die ge-lehrtesten Ärzte hervorgingen, und es ist gewiss, dass die da-selbst betriebenen Studien viel zu dem Aufschwünge der In-dustrie und des Handels beitrugen; die erste Kenntnis der Zucker-Raffination ging von dort aus, und fand sodann ihre früheste An-wendung und fabrikmässige Ausnützung auf dem Boden vonOhüsistän."

Die Verbesserungen in der Darstellung des Zuckers dürftensich anfangs lediglich auf Reinigung desselben durch wiederholtesUmkochen und Abpressen des Syrups aus der halberstarrten Massebeschränkt haben, wie dies nach Reed und Grierson, deren An-gaben im zweiten Abschnitte dargelegt wurden, in Nordindiennoch jetzt Gebrauch ist; es erklärt sich hieraus, dass der Fanid,welcher ursprünglich nichts weiter, als der, nach dem Einkochenund Abschäumen erstarrte Rohrsaft war, und einen braunen bis

7*