Die Ausbreitung d. Zuckerrohres nach Westen, u. d. Erfindung d. Raffination. 95
welches zur Zeit des Cbosroes schon hin und wieder als seltenesGartengewächs angebaut worden zu sein scheint. So z. B. be-richtet der arabische Schriftsteller Ibn-Challikan (1211—1282)in seinem „ Biographischen Wörterbuch" (engl. Übers, von deSlane, Paris 1842; III, 442), auf Grund eines Geschichtswerkesdes älteren Al-Hamadäni: „Chosroes kam einmal zufällig, ab-seits von seiner Armee, an einem Garten vorbei, hielt an, und batum einen Trunk Wasser; ein junges Mädchen brachte ihm einenBecher voll Zuckerrohrsaft, mit Schnee gekühlt. Er fand denTrank sehr gut, und fragte, wie er bereitet werde. Das Mädchensagte darauf: „Bei uns wächst ein Rohr von solcher Güte, dasswir es mit der Hand ausdrücken, und diesen Saft abpressen können."Dann gehe, sprach der König, und hole mir noch mehr davon;indem sie aber, ohne ihn zu erkennen, wegging, dachte er sich:Diese Leute werde ich anderswohin bringen lassen und ihren Gartenfür mich selbst nehmen. Kaum hatte er dies gedacht, so kamdas Mädchen weinend zurück und sagte: Die Absichten meinesHerrn müssen sich geändert haben; wieso? fragte er; sie ant-wortete: Bisher konnte ich dem Zuckerrohre entnehmen so vielich wollte, jetzt aber drücke ich es aus, so stark ich nur kann, undvermag doch kaum eine Kleinigkeit aaszupressen. Der Herrscherempfand die Wahrheit solcher Worte, gab seine Absicht auf, undhiess sie zurückgehen, da sie nunmehr wieder Erfolg haben werde;sie gehorchte, und kam wirklich bald freudig wieder, beladenmit einer Unmenge Zuckerrohrsaft." Diese Anekdote, welche fürdie erste Ausbreitung und Anwendung des Zuckerrohres sehrcharakteristisch ist, findet sich auch in den Erzählungen „Tausendund eine Nacht« (Übers, von Weil, Sttgt. 1871; IV, 65) undwird auch dort ausdrücklich von Chosroes Nuschirwan ge-meldet; als Gedanken des Königs wird jedoch nicht die Austrei-bung der Bewohner und die Beschlagnahme des Gartens genannt,sondern die Absicht, den Ort, der ein so edles Gewächs hervor-bringe, höher zu besteuern.
Die persische Sage hat eine Erinnerung an das erste Be-kanntwerden des Zuckerrohres bewahrt, dieses jedoch in eine weitentlegenere Periode zurückverlegt, als, obigem zufolge, wirklichberechtigt ist. Albiruni berichtet darüber in seinem, gegen1000 n. Chr. verfassten, hochgelehrten Werke „Die Chronologieder alten Völker" (engl. Übers, von Sachau, London 1879; 54,200, 211 ff.) folgendes: „Bei den Persern war für jeden Tag einebesondere Art wohlriechender Pflanzen und Blumen, sowie ein ge-wisses Getränk, durch eine bestimmte Ordnung unabänderlich vor-