Zuckerrohr u. Zucker im europäischen Altertum u. frühen Mittelalter. 89
wie der Reis selbst, von Dioskorides („Mat. med." II, 256) undStrabo (V, 4, 3; XV, 1, 13 und 1, 18), ja schon von Horaz( r Satiren" II, 3, 155), als etwas Wohlbekanntes genannt wird.
Allem Angeführten nach darf man wohl schliessen, dass dasSakcharon der Alten überhaupt nicht einheitlicher Natur war, son-dern mindestens, neben einem Produkte indischer Abstammung(auf welche der dem Sanskrit entlehnte Name hinweist), auch einemannaartige Substanz bedeutete, und zwar letztere besonders inspäterer Zeit; der Unterschied, den Paulus Aegineta zwischen„Sal indus" und „Sakcharon" macht, würde dann in diesem Ver-hältnisse begründet sein. Dass jenes indische Produkt Tabaschir,oder ein aus diesem hergestelltes Kunsterzeugnis gewesen sei, istzwar bezüglich einzelner Fälle nicht unmöglich, im allgemeinenaber wenig wahrscheinlich; es spricht jedoch nichts dagegen, undsogar vieles dafür, sich darunter ebenfalls eine mehr oder wenigerfeinkörnige andere Manna-Art vorzustellen, auf die der Name Sak-charon, der, wie bereits mehrfach erwähnt, ursprünglich nur irgendetwas Körniges, Zerstückeltes, Geronnenes bezeichnet, gleichfallsanwendbar wäre. Zur Entscheidung dieser Frage würde es vongrossem Werte sein, den Sprachgebrauch des Sanskrit, und dieMöglichkeit der Bezeichnung des Tabaschir durch Sakcharon end-gültig festzustellen, sowie zu erfahren, ob indische Rohre unterUmständen wirklich eine Manna-Art abzusondern vermögen; einigebyzantinische Arzte sprechen von solcher indischer Rohr-Manna(fidwa ■/.a'Kuj.inv ivöi/.ov) im Gegensatze zur europäischen Manna(Salmasius II, 916), auch ist es bekannt, dass gewisse amerika-nische Rohre, unter dem Stiche von Schildläusen, eine Manna aus-schwitzen, die von den Eingebornen Panoche genannt, und wieZucker benutzt wird (Ratzel II, 536). Die Erforschung dieserThatsachen würde vielleicht geeignet sein, ganz neues Liebt aufdie Natur des Sakcharon der Alten zu werfen.
Als sicher kann betreff dieses jedoch gelten, dass das Sak-charon der antiken Welt nicht unser Zucker war, auf welchendie Beschreibungen des ersteren, sowie seiner Anwendung, inkeiner Weise passen; da der feste Zucker, wie im vorigen Ab-schnitte angeführt, in Indien wahrscheinlich erst zwischen 300 bis600 n. Chr. bekannt wurde, und zwar näher der letzteren Zeit-grenze zu, so körinen wir auch gar nicht erwarten, ihm ausserhalbIndiens in einer früheren Periode zu begegnen. In der That findenwir seine erste sichere Erwähnung im Jahre 627, als der byzan-tinische Kaiser Heraklius, im dritten persischen Feldzuge, Das-tagerd, die Lieblingsresidenz des sassanidischen Königs ChosroeslI.,