Zuckerrohr u. Zucker im europäischen Altertum u. frühen Mittelalter. 79
z. B., ein im 10. Jahrhunderte lebender arabischer Geograph, sagt(Gildemeister, „De rebus indicis", Bonn 1836, 214): „Aus Mand-surfin, an der Küste von Malabar, wird das Arzneimittel Tabaschirexportiert, welches die Asche von Rohren ist, die dort in denSümpfen wachsen; wenn sie ausgedörrt sind und der Wind sie an-einander reibt, so werden sie heiss und fangen schliesslich Feuer."Diese abenteuerliche Vorstellung findet sich schon bei Thuky-dides und Lucrez („De rerum natura" I, 790), die auf solcheWeise Waldbrände entstehen lassen; aber selbst Kuhn („DieHerabkunft des Feuers und des Göttertrankes", Gütersloh 1886, 92)spricht noch von dürren Ranken und umgeknickten Baumstämmen,die sich, im Sturme umhergeschleudert, durch Reibung entzündensollen. — Ahnlich wie Ibn-Haukai äussert sich auch der Geo-graph Edrisi (1154): „Acht Tagereisen südlich von Baroche (Bary-gaza) liegt an der Küste Banah; auf den umliegenden Hügelnwächst Bambus und Tabaschir. Die Wurzeln des Bambus (d. h.die Bambusrohre) exportiert man von hier in den Orient undOccident; den Tabaschir fälscht man durch Zumischen gebranntenElfenbeins, aber der echte ist nur der, den man aus den Wurzelngewinnt" (I, 179). Ebenso steht in der 1321 verfassten Geographiedes Abulfeda (III, 118): „In Tänah, an der Küste von Guzurate,wächst das Rohr, aus dessen Wurzeln man den Tabaschir gewinnt."-Von der Fälschung des Tabaschirs durch verbranntes Elfenbeinund gebrannte Knochen berichten auch andere arabische Schrift-steller, z. B. Ibn-Beithar (gest. 1248), der indes das Vorkommendesselben bloss innerhalb der Rohre richtig beschreibt; bedenkt manübrigens, dass selbst die Bagasse des an Kieselsäure ärmerenZuckerrohres, wenn es an trockenen und heissen Orten gewachsenist, beim Verbrennen häufig glasige Schlacken hinterlässt (Mac-fadyen 114), so ist es keineswegs ungereimt, anzunehmen, dassauch die kieselsäurereichen Bambusrohr-Aschen zum Fälschen desTabaschirs verwendet worden seien, und so Anlass zu dem obenangeführten Glauben gegeben hätten (Flückiger, „Die FrankfurterListe von 1450", Halle 1873, 38). Auf die Autorität der arabischenÄrzte hin, blieb derselbe im Mittelalter vorherrschend, und diebyzantinischen Ärzte, sowie später die westeuropäischen, bezeich-neten Tabaschir mit' „Spodium", wozu ein Übersetzungsfehler desKommentators Gerardus von Cremona nicht wenig beitrug (Sal-masius II, 715ff.; III, 25511'.); da man unter „Spodium" jedochauch alles Gebrannte anderer Art zusammenzufassen pflegte, sowurde dieser Begriff mit der Zeit zu einem völlig undefinierbaren(Flückiger a. a. 0.). Die irrtümliche Auffassung des Tabaschirs