Zuckerrohr u. Zucker im europäischen Altertum u. frühen Mittelalter. 63
den Ganarien an und knüpfen daran die abenteuerlichsten Sagen(Meyer, „Bot." I, 321; Moseley a. a. 0.).
Nikolaos Damaskenos, der Zeitgenosse des Kaisers Augus-tus, erwähnt das Zuckerrohr in seinem, grösstenteils aus Aristo-teles und Theophrast kompilierten, botanischen Werke nicht;Diodor (zur Zeit Cäsars) sagt nur, dass in gewissen sumpfigenGegenden Indiens Rohre von ganz besonderer Süssigkeit wüchsen,mdem die Hitze den Saft der Wurzeln, besonders derer der grossenRohrpflanzen, auskoche (II, 35 und 36); Strabo (66 v. Chr. —24 n. Chr.) giebt nur die Erzählungen des Nearchos, Onesikri-tos, Megasthenes und Eratosthenes wieder, ohne ihnen Eigenesbeizufügen; auch in der Arzneimittellehre des Scribonius Largus(um 40 n. Chr.), welcher Aloe und andere indische Mittel kennt,kommt Zucker oder Zuckerrohr nicht vor, ebensowenig wie in demvon Andromachos, dem ersten Archiater (Oberarzt) zur ZeitNeros, in Distichen verfassten Rezept zur Bereitung des Theriaks,eines angeblich vom König Mithridates erfundenen, widersinnigenGemisches unzähliger kostbarer und ekelhafter Bestandteile (darunterso ziemlich aller damals bekannten vegetabilischen), welches von<la ab bis zu Ende des 18. Jahrhundertes im Rufe eines unfehlbarenUniversal-Heilmittels stand (Meyer, „Bot." II, 33 und 41).
Dionysius Afer (3 n. Chr.) meldet, dass man in Indien denSaft süsser Rohre trinke, und auch bei Lukanus (39—65 n. Chr.)heisst es in den „Pharsalien" (III, 237) von den Indern:
„Und sie trinken den süssen Sai't der zarteren Rohre.'-
Seneca (1—65 n. Chr.) sagt in seinem 84. Briefe: „Wie er-zählt wird, soll in Indien an den Blättern eines Schilfes ein Honiggefunden werden, der entweder aus dem Thau jenes Himmelsstriches,oder aus dem verdickten, süssen Rohrsafte selbst entsteht; obwohlin viel geringerem und minderem Maasse findet sich auch aufunseren Gewächsen ein Honig, den die Bienen aufsuchen undsammeln." Wie man sieht, handelt es sich auch hier nur um un-verbürgte Gerüchte.
In der von Plinius (23—79 n. Chr.) kurz vor seinem, beider Beobachtung des Vesuv-Ausbruches erfolgten Tode, redigierten•»Naturgeschichte", — sein Neffe nennt sie in dem Briefe, woriner dem Geschichtsschreiber Tacitus das Ableben des Oheims an-zeigt, „ein weitläufiges, gelehrtes, und nicht minder mannigfaltigesWerk als die Natur selbst" —, werden zwar die Rohrarten, speziell<he Indiens, ausführlich besprochen (XVI, 64—67), vom Zuckerrohrist aber nicht die Rede. Dagegen sagt er an anderer Stelle (XII,