Druckschrift 
Geschichte des Zuckers, seiner Darstellung und Verwendung, seit den ältesten Zeiten bis zum Beginne der Rübenzuckerfabrikation : ein Beitrag zur Kulturgeschichte
Entstehung
Seite
55
Einzelbild herunterladen
 

Die Heimat des Zuckerrohres und der Rohzucker-Bereitung. 55

haben —, erschliessen sie jedoch eine staunenerregende Masse aufdie Heilkunde im weitesten Sinne bezüglicher Kenntnisse, die ohneZweifel nur im Laufe langer Jahrhunderte gesammelt werdenkonnten, und beweisen vor allem die völlige Selbständigkeit derindischen Arzneimittellehre (Haeser I, 37).

Die indische Tradition berichtet nach Bhävanisra, dem Ver-lasser einer noch ungedruckten, die Arzneikunde behandelndenSchrift (Dietz, „Analecta medica"; Meyer, „Bot." III, 3), dassdie Heilkunde von Brahma selbst stamme, welcher eigenhändigdas erste medizinische Werk, den „Ayur-Veda" (= .Wissenschaftdes Lebens") in 100 000 Sloken schrieb; von ihm ging sie durchverschiedene Zwischenstufen, in denen wiederholte schriftliche Ab-fassung der Lehre erfolgte, an Atreya und dessen Schüler über,sodann auf Caraka. Als dann lndra, nachdem er die Erdedurch eine Pest verwüstet hatte, Dhanvantari, den Gott der Heil-kunde*) zum Könige von Käci in Bengalen machte, schrieb dieserunter dem Namen Divodäsa, die Lehre in veränderter Gestaltnieder, und von ihm empfing sie Susruta, der Sohn des KönigsVisvamitra, und machte sie zum Gegenstande eines neuen Werkes.Diese Tradition gehört erst der Zeit der „Puränas" an (Lassen II,159), und lässt Divodäsa als eine Verkörperung des Dhanvantari,und Susruta als blossen Uberlieferer der ererbten Weisheit er-scheinen; nun wird aber unter den „neun Perlen' am Hofe desKönigs Bhoja von Mälava, neben Kalidasa und Amarasinha,gleichfalls ein Arzt Dhanvantari genannt, und es ist daher wahr-scheinlich, dass Susruta nicht ein Schüler des in den Epen undbei Manu öfter erwähnten mythischen Götterarztes gewesen sei,sondern seine Kenntnisse jenem menschlichen Dhanvantari ver-dankte, dessen Namen in späterer Zeit mit dem des Gottes ver-wechselt wurde (Weber 285, 287).

Von den menschlichen Überlieferern des Ayur-Veda gehörenAtreya, Agniveca und Caraka (Charaka), dem Zeitalter der„Sutra" an (Weber 284); die Unzahl der dieser Zeit zugeschriebenenmedizinischen Schriften ist noch kaum durchforscht, viel wenigerkritisch gesichtet, doch scheint es, dass vom Werke des Atreya,sowie von der Bearbeitung des Agniveca durch Caraka, nurBruchstücke im Original erhalten, oder wenigstens bisher bekanntgeworden sind (Haeser I, 7 und 15). Dagegen ist unter dem

*) Bei der oben erwähnten Quirlung des Milchmeeres soll auch Dhan-vantari zuerst zu Tage gefördert worden sein; diese Legende deutet daraufhin, dass er als Verkörperung der Heilkräfte des Amrlta (Ambrosia) betrachtetwurde (Kuhn 222).