Johannes Bolte. FFC 36
beruft sich gern auf ungenannte Gewährsmänner: 'Manerzählt'; daher verspricht ein sicilianischer Kaufman seinenganzen Laden dem, der ihm ein Märchen vortrage ohneden bis zum Überdruss gehörten Anfang: 'Si raccunta'(Pitre, Fiabe pop. sie. i, 1. 33).
Auch zur Frage der Glaubwürdigkeit nehmenmanche Erzähler (ebenso wie in einigen bereits erwähntenZeitbezeichnungen) von vornherein Stellung. Denn dasVolk hat zumeist vor der schöpferischen Tätigkeit desDichters geringe Achtung und hält vielfach Dichten undLügen für gleichbedeutend; ' da es verlangt, dass das, wasihm als geschehen berichtet wird, sich auch wirklich zuge-tragen habe, gerät der Märchenerzähler gegenüber einemderartigen Publikum von Erwachsenen oft in eine gewisseVerlegenheit. Während der nüchtern empfindende Baskeden vorliegenden Fall als einen typischen hinstellt: 'Wieoftmals in der Welt lebten da ein Mann und eine Frau'(Vinson p. 63. 80. 103. 109. Webster p. 6. 22), lässt derBretone dem Zweifler die Wahl: 'Hört zu, und ihr werdetsverstehn; glaubts, wenn ihr wollt, glaubts nicht, wenn ihrnicht wollt; besser ists zu glauben als selber nachzusehn'(Luzel 1, 177). Oder er versichert: 'Hört zu, wenn ihrwollt; ihr sollt eine hübsche Geschichte vernehmen, in derkeine Lügen vorkommen, ausser etwa eine oder zwei' (Luzel1, 158. 289. 386. 2, 273. 3, 23. 103). Ein eigentümlichesSchwanken verrät die in Ungarn, auf dem Balkan und im
1 Das erfuhr der Kulturhistoriker W. H. Riehl schon in seinerJugend, als er seinen Schulkameraden auf dem abendlichenHeimwege von Wiesbaden nach Bieberich die Zeit durch roman-tische Ritter- und Räubergeschichten eigener Erfindung verkürzteund nach Monaten eingestand, däss seine Geschichten in keinemBuche ständen, sondern im eignen Kopfe gewachsen seien: bei-nahe wäre er dafür gründlich verprügelt worden. Vgl. seineNovelle 'Abendfrieden' (Riehl, Geschichten und Novellen 4, 16.1899).