* 30 fe«H FF COMMUNICATIONS N:o 36 NAME UND MERKMALE DES MÄRCHENS JOHANNES^BOLTE v£>\ v V HELSINKI, 1920 SUOMALAINEN TIEDKAKATEMIA ACADEMIA SCIENTIARUM' FENNICA 30 i>osm^uz Name und Merkmale des Märchens.* Schärfer als in den meisten andern Sprachen ist im Deutschen heute der Begriff des Märchens abgegrenzt, sowohl gegen den allgemeineren der Erzählung wie gegen die benachbarten der Sage, Legende, Fabel, auch des Schwankes. Zum Beweise vergleiche man im Niederländischen sprookje, zeisel, vertellinge, vertelsel; westfriesisch teltje, berneteltje; nordfriesisch tial, staatje; dänisch aeventyr; norwegisch söge, regle, rispe, remse', gammalt snak 2 ; schwedisch eventyr, saga; englisch tale, droll, story, legend 3 ; gälisch sgeul, fionnsgeul, ursgeul; irisch sceal; wallisisch ystor, chwedl; französisch conte, conte bleu, conte de fees, recit, legende; italienisch fiaba, favola, conto, racconto, * Der folgende Aufsatz ist dem noch ungedruckten vierten Bande der 'Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm' entnommen und geht demgemäss von deutschen Verhältnissen aus. Wenn ich natürlich auch die Märchen andrer Völker zur Vergleichung heranzog, so musste ich mich doch von vornherein auf eine Auswahl von Beispielen beschränken; ich werde aber jeden freundlichen Hinweis auf Übersehenes dankbar entgegennehmen. Die Bezeichnung 'oben' weist auf die drei ersten Bände der Anmerkungen hin; die Titel der angeführten Bücher findet man ausführlich dort in Bd. 3, S. 560. — Berlin, im Juli 1920. J. B. 1 Asbjörnsen-Moe, Norske folke-eventyr 1852 S. XLI. 1 Aasen, Pröver 1899 S. 12. 8 L. Lenz, Märchensammlungen 1902 S. 7. Johannes Bolte. FFC 36 storia, novellina, rosaria, pastocchia, panzanega, romanzella; 1 rätoromanisch parevla, fabla; baskisch alheghia; spanisch cuento, fabula, hablilla, conseja, patrana; katalanisch rondalla de la bora del foch; portugiesisch conto, fabula, historia, caso, exemplo, lenda, patranha, dito, facecia 2 ; rumänisch basma; 3 neugriechisch paramythion; albanisch pralä, cafsä; serbokroatisch pripoviedka, prica, gatka, basna, kazalica; bulgarisch prikazka; slowenisch pravljica, povest; cechisch bächora, bächorka, pohädka, povidka, povest; slowakisch povest', a rozpravka; wendisch basnicka; polnisch powiesc, bajka, bäsri, gadka, opowiadanie, przypowiadka, podanie; russisch skazka, basn; kleinrussisch kazka, bajka; litauisch päsaka, stahsts; lettisch pasazina, stahtinsch, teika, teiksma; estnisch jut; finnisch satu, tarina; lappisch suptses, curces; magya* risch mese, nepmese, rege, monda; türkisch masal; armenisch danevel, konchou, möjen, kel; hebräisch maaseh; arabisch khiräfet, hikäjet, kissa, däsitän 4 ; persisch äfsäneh; Sanskrit katha, itihäsa; chinesisch chwoh, sz tsih, ch'uon, kü sz, hwäng tan; japanisch hanashi, monogatari; samoa- nisch tala, fagogo, lafofua 5 ; suaheli ngano, hadisi; eskimoisch okalugtuak, okalualärut usw. Im Altgriechischen entspricht das Wort mythos am meisten dem Begriffe des Märchens 11 , während ainos sinnvolle Geschichte, Gleichnisrede und apo- logos Erzählung, Novelle bedeutet. Die Römer brauchen zumeist den Ausdruck fabula = erfundene Geschichte, so Cornificius (Ad Herennium 1, 8, 13): Tabula est, quae neque veras neque veri similes continet res'. 1 Teza, Jahrbuch für roman. Literatur 8, 269. 1867. Pitre, Fiabe pop. sie. 1, XLIII. 1875. 2 Braga, Contos trad. 1, X. 1883. 3 Krauss, Sagen der Südslawen 2, XXX. 4 J. v. Hammer, Wiener SB. 7, 630. i85i. 5 A. Krämer, Die Samoa-Inseln 2, 343. 1902. 6 Theon, Progymnasmata 3 (Spengel, Rhetores Graeci 2, 72): esti de mythos logos pseudes eikonizon aletheian. Pauly-Wissowa, Realencyclopädie des class. Altertums 1, 1029. 2, 167. FFC36 _______ Name und Merkmale des'Märchens, _________ 5 Im 13. Jahrhundert freilich verstand man .bei uns unter m.ae r 11 n nur ein kleines maere 1 , eine, kurze Erzählung, die. zur Unterhaltung einer Gesellschaft vorgetragen wurde und zumeist erfunden, der Phantasie entsprungen war; denn die gelegentliche Versicherung, dieses mserlin sei wahr, scheint eine Ausnahme zu bezeichnen und zeigt, dass man mit dem Ausdrucke nicht wie mit dem italienischen Worte novella die Vorstellung einer heuen Begebenheit verband. Leicht erhält daher das Wort im Gegensatz zu wahren Berichten über Tatsachen einen verächtlichen Sinn. 'Märlein' braucht Luther im Evangelium Lucä 24, 11 zur Wiedergabe von leros, törichtem Geschwätz, wo die Vulgata delira- nientum gesetzt hatte; ein andermal (Werke 21, 149, 22 Weimar) redet er von J der Geuckler Mehrlin'. Ebenso verwendet 1525 der Schwabe Johann Eberlin von Günzburg 2 als gleichbedeutende Ausdrücke: eyn tisch meerichen, e3'n unnütz geschwetz und eyn spitzfindige disputation, wobei man zugleich die erst später allgemein durchdringende mitteldeutsche Form 'Märchen' beachten mag. Sonst erscheinen auch zusammengesetzte Worte in gleicher Bedeutung, wie sagemeere bei Reinbot, Königshofen und 1561 bei Maaler, lügemsere im Reinfried von Braunschweig, tandmäre bei Wickram, entenmär und gensmär bei Hermann von Sachsenheim, tursenmär bei Konrad von Megenberg, endlich im 18. Jahrhundert Hexenmährgen als Verdeutschung des französischen conte de fees. 3 1 Über mhd. Begriff von maere vgl. Schwietering, Singen und Sagen (Diss. Göttingen 1908) S. 48. 2 Eberlin, Sämtliche Schriften hsg. von Enders 3, 188 (1902). Vgl. noch J. P. Palthen, Tatiani Harmoniae ev. versio theotisca 1706 S. 305: 'Fabella imperitorum credulitate pervulgata ein Märlein dicitur.' Schweizer. Idiotikon 4, 360: Märit, Märti. Rank, Aus dem Böhmerwald 1843 S. 154: Marel, Mal. 3 1749 erschienen zu Hamburg 'Drey neue Hexenmährgen' (Berlin Xy 2553), übersetzt aus Catherine de Lintots Contes de Johannes Bolte. FFC 36 Eine uralte Benennung des Märchens, die schon im 13. Jahrhundert seinen Gegensatz zur gebildeten Poesie ausdrückte, glaubte Jacob Grimm ' im dem Worte S p e 11 zu erkennen; doch hat Edward Schröder 2 als älteste Bedeutung die noch bei Shakespeare erhaltene von Zauberspruch, Zaubermärchen nachgewiesen; aus dieser entwickelte sich dann die von Gleichnis und Erzählung, im besondern Lügengeschichte, unnütze Rede. Neuerer Zeit gehört das mittelrheinische Stickelche (Firmenich 2, 45) und das niederdeutsche Löögschen oder L eu s c h e n an, das der Pommer Runge und die Rügener Arndt und Rüge 3 brauchen, während dem Mecklenburger Fritz Reuter und andern 'Läuschen' ähnlich wie Döhnchen (Döntje) und S tip p- störken, Tippeltappelstörchen nur Schwank oder Schnurre bedeutet. Doch redet Runge (Schriften 1, 64) auch von plattdeutschen Döhnchen, wie sie die Kinderfrauen wohl erzählen. Im Nordwesten Deutschlands begegnet die allgemeine Bezeichnung Vertelsel, in Jever 'en Vertelsel ut de olle Kist', in Elberfeld Verfälscher, in Aachen Verzälselche, in Köln Vespelchen, in Siebenbürgen Verzälchen. fees. Denselben Ausdruck braucht Gottsched, Critische Dichtkunst 1751 S. 528 und Lessing, Hamburgische Dramaturgie, Stück 29. Zu den älteren Kompositis vgl. die 'Zeugnisse'. 1 In seiner Gratulationsschrift für Benecke 'Frau Aventiure' 1842 S. 24 = Kl. Schriften 1, 104. — So wird Marcianus Capella 2, 48 'nunc ergo mythus terminatur' bei Notker 1, 846, 28 verdeutscht: 'hina ist taz spei'. Vgl. Ulrich, Lanzelet 9433: ditz msere ist üz. Fornaldar sögur 3, 206: Thula var üti. 8 Zeitschrift für deutsches Altertum 37, 241 (1893). Ehrismann, Geschichte der dt. Literatur 1, 58 (1918). — Vgl. noch ahd. rahha (Graff 2, 372), ags. racu; an. dsemisaga, skröksaga. 8 Ph. O. Runge, Hinterlassene Schriften 1, 62 (1840). E. M. Arndt, Märchen 1, 10. A. Rüge, Aus früherer Zeit 1, 103 (1862). — U. Jahn (Nd. Jahrbuch 12, 155) fand beim pommerschen Volke nur die Bezeichnung Historien und Geschichten für die Märchen. FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 7 Unter einem Märchen verstehen wir seit Herder und den Brüdern Grimm eine mit dichterischer Phantasie entworfene Erzählung besonders aus der Zauberwelt, eine nicht an die Bedingungen des wirklichen Lebens geknüpfte wunderbare Geschichte, die hoch und niedrig mit Vergnügen anhören, wenn sie diese auch unglaublich finden. Einstmals hatte das Märchen seinen Platz in der höfischen wie in der bürgerlichen Gesellschaft, wenn sich die Hausgenossen um das lodernde Kaminfeuer scharten, um sich die langen Winterabende zu verkürzen, wie beim alten Grand- gousier bei Rabelais und dem Bauer Robin bei Noel du Fail. 1 Swer werdekeit will minnen, der lat dise aventiure in sinem hüs ze fiure, sagt Wolfram im Willehalm 5, 4. Und schon ein Vers des alten Philosophen Xenophanes - weist auf solche Pflegstätten des Märchens: 'So etwas muss man zur Winterszeit am Feuer erzählen'. Desgleichen Bezeichnungen wie das mhd. abentmasrlin und Buchtitel wie Eslavas Noches de invierno, Wintersche Avonden, Shakespeares Winter's ta!e, Wielands Wintermärchen, Souvestres Foyer breton und Au coin du feu, Luzels Veillees bretonnes, Kennedys Fireside stories, Hydes Beside the fire, Tausendundeine Nacht, die Wärmkasten-Geschichten (tandyr-name) der Türken 3 , Swynnertons Indian nights' entertainments, Greiners Chinesische Abende, endlich Schilderungen solcher Unterhaltungen aus allen Erdteilen 4 . Eine irische Erzählerin weigerte sich sogar, 1 Vgl. die Zeugnisse nr. 80. 81. s Diels, Fragmente des Vorsokratiker I, 50 nr. 22: par pyri ehre toiauta legein cheimonos en höre. 3 G. Jacob, Türkische Bibliothek 2, 3. 19. 4 Ludwig Salvator, Märchen aus Mallorca S. XX. Pouqueville Voyage dans la Grece 1820 2, 178. Buch, Die Wotjäken 1883 S. 28. Oben 1, 53' '(Zwölfnächte). Radioff, Volksliteratur der 2 8 Johannes Bolte. FFC 36 ihre Geschichten bei Tage vorzutragen, weil dies Unheil bringe; denselben Glauben haben die Bassutos und die Sulka in Neuguinea '-, Und während es bei den Annamiten heisst: 'Beim Scheine der Lampe lasst uns eine Geschichte erzählen', löscht bei den Ten'a in Alaska der Erzähler, bevor er beginnt, das Licht. 2 Von den Rockenmärlein und Kunkelmären der bäuerlichen Spinnstuben reden schon Aventin, Fischart und Kirchhof im 16. Jahrhundert :i , von den Strickstuben Jütlands entwirft Steen Bücher ein anschauliches Bild, anderer Schilderungen zu geschweigen. 4 Vor allem aber lauschten in dem Kinderstuben seit alters die Kleinen gläubig und in schauerndem Entzücken den Altweibermärchen (fabulae aniles) der Ammen und Mütter. Doch auch in den Mussestunden der Alpenhirten, der Schnitter, der Soldaten 5 , der Matrosen weiss ein gewandter Erzähler eine aufmerksame Hörerschar um sich zu sammeln, vor der er 'sein Garn spinnt'. In der französischen Marine türkischen Stämme 5, VII. Steel-Temple, Wide-awake stories p. VII. Junod, Bas-Ronga 1897 p. 69. 1 Curtin, Tales of the fairies 1895 p. 132. 143. Jacottet 1895 p. 147. Archiv für Anthropologie 1, 228. 2 Journal asiatique 1864, 63. Revue des trad. pop. 25, 89. 3 Vgl. die 'Zeugnisse'. Von Spinnmärlein berichtet Stieler, von Kunkelstubenmärchen Wieland. Vgl. die Schilderungen bei Rank, Aus dem Böhmerwald 1843 S. 143 'Ein Winterabend'; Rosegger, Das Volksleben in Steiermark ° 1888 S. 532 'Ein Winterabend' ; Birlinger, Aus Schwaben 2, 362 'Kunkelstubenmärchen'. 4 S. Blicher, E Bindstouw, Fortaellinger og Digte i jydske Mundarter (1842). Vgl. Feilberg, Am Urquell 5, 217. 239 (1894). Foersom, Danske Landskabs Ord 1820 S. 27 (entweder in schwieriger Stellung eine Nadel einfädeln oder ein Märchen erzählen). Asbjörnsen, Auswahl norwegischer Volksmärchen 1881 S. 219 'Eine Abendstunde in der Küche eines Gutsbesitzers'. Jiriczek, Zs. f. Volkskunde 3, 291 'Aus dem faeröischen Volksleben'. 5 Jegerlehner, Blümlisalp 1917 S. 5. Nd. Jahrbuch 12, 154. Graf, Zs. f. Volkskunde 24, 20. FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 9 war ehedem, wie Jal' versichert, auf jedem Schiffe ein solcher 'Conteur' zu finden. Als Lönnrot einen Finnen fragte, woher er soviel Märchen wisse, antwortete dieser, er habe Jahre lang bei russischen und norwegischen Fischern am Eismeer Dienste getan, und so oft der Sturm diese vom Fischfang abhielt, hätten sie sich die Zeit mit dem Erzählen von Märchen vertrieben. 2 Im Orient ist das Kaffeehaus der Ort, wo die erwachsene männliche Bevölkerung solche Unterhaltung findet. :! In Afrika hat der Reisende Stanley aus den Erzählungen, mit denen sich seine schwarzen Träger abends am Lagerfeuer ergötzten, ein Buch zusammengestellt. ' Es gab eine Zeit, wo das Märchenerzählen ein Gewerbe war, das seinen Mann nährte, wie den Aretalogos und Fabulator des klassischen Altertums oder den Mimus, bei dem noch mimische und musikalische Künste hinzukamen wie auch bei dem Spielmann des Mittelalters und dem türkischen Meddah 5 . Der altägyptische Pharao Hess sich zur Unterhaltung Geschichten erzählen' 5 . Die Sitte, sich durch Märchen einschläfern zu lassen, bestand nicht bloss, 1 A. Jal, Glossaire nautique 1848 p. 507 und Scenes de la vie maritime 2, 77—115 (1832). 2 Schiefner, Archiv f. wiss. Kunde von Russland 22, 614. So vertreiben sich schon bei Ovid (Met. 7, 661) die durch widrige Winde aufgehaltenen Gäste des Aeacus die Langeweile durch allerhand Geschichten. 3 G. Jacob, Türkische Bibliothek 4, 27. 69. Ausland 1857, 806. 4 H. M. Stanley, My dark companions (1893). 5 Pauly-Wissowa, Realencyclopädie 2, 670. Rohde, Der griech. Roman 2 S. 591. H. Reich, Der Mimus 1, 247. 320. 550 (1904). Reitzenstein, Hellenistische Wundererzählungen 1906 S. 7. Jacob, Türk. Bibliothek 1, 6 (1904). Vom mimischen Vortrage afrikanischer Märchenerzähler handelt Meinhof, Die Dichtung der Afrikaner 1911 S. 116. 131. 6 Spiegelberg, Demotische Studien 7, 26 (1914). Maspöro, Contes pop. 1911 p. 300. Johannes Bolte. FEC 36 wie das Beispiel der Scheherzad in 1001 Nacht zeigt, bei den arabischen Kalifen, sondern wird von Muhammed bin Ishäq an Nadim in seinem 988 geschriebenen Fihrist sogar auf Alexander den Grossen zurückgeführt: 'Der erste, der sich abends Märchen erzählen liess, war Alexander; es gab Leute, die darüber spotteten, aber er tat es nicht um des Vergnügens willen, das er beim Anhören dieser Märchen empfand, sondern um sich wach und aufmerksam zu erhalten. Die späteren Könige bedienten sich zu diesem Zwecke des Buches der tausend Märchen, das tausend Nächte umfasst' '. In der Disciplina clericalis des spanischen Juden Petrus Alfonsi (um xno. Exemplum 12) lässt sich ein König in jeder Nacht von seinem Fabulator fünf Geschichten erzählen. Auch in Russland wird im 12. Jahrhundert von einem reichen Manne berichtet, der sich vor dem Einschlafen von seinen Dienern die Fusssohlen kitzeln und dazu 'Fabeln' erzählen liess. Der Zar Iwan der Schreckliche (t 1584) hielt sich zu diesem Zwecke drei blinde Männer; im 17. Jahrhundert gehörten solche Märchenerzähler (bachar, skazi- telj, skazocnik) zum Hofhalte der Zaren Michael und Alexej, im 18. zu dem der Kaiserin Elisabeth und vieler Edelleute. Oft waren es Leibeigene oder Kinderwärterinnen, doch gab es auch herumziehende Erzähler, Nachkommen der mittelalterlichen Spielleute (skomorochi), die von den Bojaren auf ihre Höfe geladen wurden. 2 In zwei russischen Fassungen des Meisterdiebes s schleicht ein Dieb in das Schlafzimmer des Gutsherren oder Richters und übernimmt die Rolle des Märchenerzählers. Bei uns werden noch heut begabte Erzähler, wie Ulrich Jahn aus Pommern und Bunker 1 Kitäb al Fihrist ed G. Flügel 1871—72, Buch 8; vgl. Journal asiatique serie 3, t. 8, 176 (1839). 2 v. Löwis, Russische Volksmärchen S. X. 8 Afanasjev 2, 344. 347. Rudcenko 1, 191. Oben 3, 384 f. FFC36 Name und Merkmale des Märchens. 11 aus Österreich-Ungarn berichtet,' als Bezwinger der tödlichen Langenweile, die sich bei den Tagelöhnern, Soldaten, Matrosen, Landstreichern an langen Abenden einstellt, von ihren Genossen hoch geehrt und mit Lebensmitteln und andern Gaben beschenkt. Ein solcher Erzähler birgt häufig eine grosse Zahl von Märchen in seinem Gedächtnis. Die Brüder Grimm konnten aus dem Munde der Niederzwehrener Frau Viehmännin 28 Nummern aufzeichnen. J. Kubin erhielt im cechischen "Winkel der Grafschaft Glatz von zwei Frauen je 14 Märchen, von zwei Männern 18 und 21. Aus einem einzigen Orte Ostgaliziens veröffentlichte W. Hnatjuk (Etnogr. Zbirnyk 37) J 33 kleinrussische Tiermärchen von 16 Erzählern; einer lieferte 22, ein anderer 31 Geschichten. Im Gouvernement Samara erhielt Sadovnikov von einem Erzähler 65 Märchen, W. Sesewyc (Etnogr. Zbirnyk 14, 11) von einem andern im Gouvernement Poltava 72. U. Jahn kannte in Pommern Männer, die über 50—60 Märchen verfügten, Bunker hat sogar 122 Stücke aus dem Munde eines einfachen Oeden- burger Strassenkehrers, der weder lesen noch schreiben gelernt hatte, aufgezeichnet und veröffentlicht. Von Belang ist dabei, dass die Erzählung von der mutigen Müllerstochter (oben 1, 373), die Bunker zehn Jahre später noch einmal nach seinem Diktate niederschrieb, keine wesentlichen Veränderungen aufweist. 2 Oftmals ist es ein auf dem Lande im Tagelohn (auf der Stör, wie man in Österreich sagt) herumziehender Schneider oder Schuster, der neben seiner nützlichen Arbeit dem Bauerngesinde etwas aus dem Vorrat 1 Jahn, Nd. Jahrbuch 12, 154 (1887) und Volksmärchen 1, XI. Bunker, Schwanke in heanzischer Mundart 1906 S. VII. Über einen andern hianzischen Erzähler vgl. Graf, Zs. f. Volkskunde 24, 20. 2 Veränderungen durch dieselbe Erzählerin hat De Nino, Usi abruzzesi 3, VII bemerkt. Johannes Bolte. FFC 36 seiner Sagen und Geschichten spendet; 1 auch landstreichende Bettler statten ihren gastfreien Wirten öfter auf diese Weise ihren Dank ab 2 . Doch finden sich solche begaDten und gewandten Erzähler, die man in Ungarn malerisch Märchenbäume (mesefa) nennt, nicht nur im niederen Volke; auch die Mutter Goethes war wegen ihrer Erzählertalents berühmt, wie später nachgewiesen werden soll, ebenso die Mutter des Dichters J. V. Scheffel und die Grossmutter des grossen englischen Romanschriftstellers Dickens. Das Andenken der letztgenannten lebte in der Familie des Lord Crewe, wo sie um 1795 Haushälterin war, noch lange fort; sie besass eine wahrhaft wunderbare Fähigkeit, rührende und lustige Geschichten ergreifend auszumalen und nach den verschiedenen Charakteren der auftretenden Personen mit mimischem Ausdruck vorzutragen. 3 — Ob die Frauen oder die Männer bessere Hüter des Märchenschatzes sind, ist eine Frage, die von den Sammlern nach ihren Erfahrungen verschieden beantwortet wird. 1 Während Jegerlehner, Bunker, Wisser, Jahn, Oncu- kov vorwiegend männlichen Erzählern folgen, überwiegt unter den Gewährsleuten von Cosquin, Gonzenbach, Pitre, 1 Feilberg, Am Urquell 5, 167. Campbell, Populär Tales of the West Highlands 2 i, VI. A. van Gennep, La formation des legendes 1910 p. 265. 3 Kamp, Danske Folkeaeventyr 1, an. 213. Am Urquell 5, 215. Hunt, Populär Romances of the West of England p. XIV (ein blinder wandernder 'droll-teller'). Orain, Contes du pays Gallo 1904. 3 Notes & Queries 7. Ser. 4, 265. 374 (1887). W. Dibelius, Dickens 1916 S. 60. 4 Jegerlehner, Blümlisalp 1917 S. 5. Wisser, Die Entstehung meiner Märchensammlung (Eckart 5, 168. 247. 321. 460; vgl. Mitt. aus dem Quickborn 4, 33. 1911. Heimat 15, 145. Plattdeutsche Vm. 1914 S. X — XIX). Archiv f. slav. Phil. 31, 362. Kristensen, Fra Bindestue og Kölle 2, 165. 1897 und Bindestuens Saga 1897 S. 166. Kamp, Folkeaeventyr 1, 213. Gonzenbach, Sicil. Märchen 1, VII. Pitre, Fiabe sie. 1, XVII. Hahn, Griech. und albanische Märchen, Titelbilder. Hambruch, Südseemärchen S. VII. FFC 36 Name und Merkmale des Märchens ,____________ 13 Ilg, Hahn, Stokes, Sachmatov, Hambruch das weibliche Element. Schöpften Müllenhoff und Steel-Temple zumeist aus Kindermund, so erwies sich für Wisser und andere das hohe Alter als eine reichere Quelle. Wieviel die Brüder Grimm der alten Marie in Kassel, der Frau Viehmännin in Niederzwehren und andern verdankten, soll später dargelegt worden. Wertvolle Mitteilungen über die holsteinischen Erzähler hat Wisser, über die schweizerischen Jegerlehner, über die dänischen Kristensen geliefert. Die Form des Märchens ist die Prosa, wenngleich es häufig durch Kunstdichter alter und neuer Zeit in gebundene Rede eingekleidet wurde. Einen eigentümlichen Schmuck bilden die oft an bedeutungsvollen Stellen eingestreuten Reimverse, die uns nicht bloss in der deutschen Sammlung der Brüder Grimm, sondern auch in den verwandten Fassungen andrer Völker begegnen. Man denke beispielsweise an den Zauberspruch, mit dem Aschenputtel den Haselbaum auf der Mutter Grab (nr. 21), Gretel die Ente (nr. 15), Sneewittchens Stiefmutter ihren Spiegel (nr. 53), Zweiäuglein ihre Ziege (nr. 130), die Spinnerin ihre Spindel (nr. 188), Ferdinand die Riesen (nr. 126) und der Fischer den wundertätigen Butt (nr. 19) beschwört, an das Gebet des heiratslustigen Mädchens (nr. 139), an die angsterfüllten und wehmütigen Ausrufe, mit denen die ertränkte unschuldige Frau sich nachts nach dem Lose ihres Kindes oder Bruders erkundigt (nr. 11. 13. 135. 14 1 ) oder cue verstossene wahre Braut ihres einstigen Glückes gedenkt (nr. 89. 186. 193. 197), an die Losung von Rapunzels Pflegmutter (nr. 12), an das falsche Orakel der faulen Spinnerin (nr. 128), an die Frage der Hexe (nr. 15) und die Selbstgespräche unheimlicher Zwerge (nr. 39,3. 55), an den warnenden oder verborgene Missetat offenbarenden 14 Johannes Bolte. FFC 36 Gesang der Vögel (nr. 21. 24. 28. 40. 47. 96) und andre Reden von Tieren (nr. 1. 5. 36. 63. 127. 169), endlich an einzelne Fälle, wo wie im alten Hildebrand (nr. 95) oder in der treuen Frau (nr. 218) der Vortrag eines Liedes die Entwirrung der Verwicklung herbeiführt. Öfter werden diese Verse, während der Erzähler sonst in seiner Mundart redet, als Reden der Vornehmen hochdeutsch rezitiert. 1 Als verwandte Beispiele nenne ich noch den Ruf des Menschenfressers im englischen Märchen (Jacobs 1, 63): Fee-fi-fo-fum, I smell the blood of an Englishman, Be he alive, or be he dead, I'll have his bones to grind my bread! oder den italienischen Dialog zwischen Bauer Wahrhaft und dem König und die Rätsel des Königssohns und des klugen Mädchens bei Gonzenbach nr. 8 und 35, die rumänischen, von Säinenu p. 208 angeführten 'formule mediane' oder das Lied des heiratslustigen Mädchens im Zigeunermärchen bei Wlislocki 1886 S. 5. Seltener ist in den europäischen Märchen die Reimform auch in die eigentliche Erzählung eingedrungen, wie bei Grimm nr. 38: 'Da ging die Katz die Tripp die Trapp, da schlug die Tür die Klipp die Klapp' oder in nr. 183: 'wanderte seinen Weg über Brücke und Steg, bald da, bald dort, immer fort und fort', Sutermeister nr. 30: 'der Schönst, wo treit zwo silbrig Spore, Goldringli a den Ohre, e Federe voll Edelstei'. Dänisch bei Grundtvig, Folkeaeventyr 2, 77 'De bedede Hjort og de bedede Hare og alle de Dyr, Skoven vare'. Norwegisch bei Asbjörnsen-Moe nr. 72 'Saa bygged' de Bo, saa lapped' de Sko, saa fik de Smaa- prindser i hver eneste Ro'. Englisch bei Jacobs 1, 202: 'They all lived happy and died happy, and never drank 1 S. oben 3, 18. 518. FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 15 out of a dry cappy'. Französisch bei Sebillot, Contes dela Haute-Bretagne 3, 80: 'Marche aujourd' hui, marche demain, ä force de marcher on fait beaucoup de chemin'. — Es gibt aber auch englische Märchen, die geradezu in die Balladenform übergehen, z. B. Childe Rowland, The stränge visitor, The cat and the mouse bei Jacobs 1, 117. 179. 188. Der Herausgeber vergleicht dazu die mittelalterliche Form der Chante-fable in Aucassin et Nicolete, wo der Wechsel zwischen Prosa und Versen durch die Formeln 'Nun wird gesungen' oder 'Nun wird gesprochen und erzählt' jedesmal augenfällig gemacht ist, und altirische Sagen, bei denen einzelne lyrische und dramatische Partien in metrischer Form in die prosaische Erzählung eingestreut sind. Er erklärt diese Form, zu der sich in der altnordischen, arabischen, persischen und indischen Literatur Seitenstücke finden, geradezu für die Urgestalt des Volksmärchens. ] Die Bedenken gegen einen so raschen Schluss liegen auf der Hand. Wir erblicken in der Chantefable vielmehr eine aus der Prosaerzählung hervorgegangene altertümliche Vorstufe der Verserzählung, des epischen Liedes. Wo die gewöhnliche Rede nicht ausreichte, trat eine Steigerung zu dichterisch gehobenem, durch den Reim geschmücktem Ausdruck ein, in erster Linie natürlich bei den bedeutungsvollen Ausrufen und Gesprächen der Helden und ihrer Gegner. Dieser Umstand hat neuerdings Kahlo s zu einer ebenso einseitigen Folgerung verführt: er sieht hier ani- mistische Reste einer besonderen Verkehrssprache zwischen Geistern, deren sich auch Menschen bei Beschwörungen 1 Jacobs, English Fairy Tales 1, 246. 2, 217; Celtic F. T. 1,243. 257; Indian F. T. p. 237. Vgl. Child, English and scottish Ballads 5, 201. Gummere, Old english ballads 1894 p. LXXV. Maccul- loch, Childhood of fiction 1905 p. 480. Hertz, Spielmannsbuch 1900 S. 435. Thurau, Singen und Sagen 1912 S. 76. 84 f. S. Singer, Die Ursprünge der Poesie 1913 S. 23. 2 Kahlo, Die Verse in den Sagen und Märchen 1919 S. 121. 16 Johannes Bol'te. FFC36 bedienen, während er die Verse in den aussereuropäischen Märchen für willkürlich und bedeutungslos hält. — Richtig ist allerdings, dass der vielfach übliche feierliche, gesangartige Vort rag der Märchen die Einmischung von allerlei Versen und gesungenen Stücken begünstigt hat. Goethe ' übte sich, den Kindern die Märchen unveränderlich in einem singenden Silbenfall an einem Schnürchen weg zu rezitieren. Das Grimmsche Märchen nr. 138 'Knoist un sine dre Sühne' parodiert den psalmodierenden Tonfall der kirchlichen Messe. Man denkt dabei ohne weiteres an Fälle, wo der Vortrag von Balladen und Märchen noch in derselben Hand liegt, wie die von Monnier beschriebene Deklamation des neapolitanischen Cantastorie, den sowohl Lieder wie Märchen rezitierenden serbischen Guslaren, den von einer Gitarre begleiteten muhammedanischen Erzähler in Tanger, den Burton erwähnt, die westafrikanischen Balladensänger und die kirgisischen 'Büchergesänge'. 2 Wir besitzen auch manche Aufzeichnungen von Melodien einzelner Lieder, die in das Märchen von der treuen Frau (oben 3, 518) und in englische und französische Märchen eingelegt sind. :l Locker ist der Zusammenhang der Verse in den von A. de Nino gesammelten Märchen aus den Abruzzen mit dem Texte. Auch viele Märchen afrikanischer Neger sind von gesungenen Partien durchzogen. 1 Im Eingang und Schluss der Märchen kehren häufig 1 Goethe, Werthers Leiden (Werke 19, 72 Weimarer Ausg.) 2 Monnier, C. pop. en Italie 1880 p. 70. Krauss, Revue des trad. pop. 4, 6. Burton, Arabian Nights 10, 163. Frobenius. Der schwarze Dekameron 1910. Radioff 3, 408. Über die Modulation, das Mienenspiel und die Gesten afrikanischer und polynesischer Erzähler vgl. Meinhof 1911 S. 21 und Hambruch S. IX. 8 Chambers 1870 p. 65. Revue des trad. pop. 2, 125. 365. 3,435 (danach Tiersot, Histoire de la chanson populaire 1889 p. 514). 4 Steere, Swahili Tales p. VIII. Chatelain, Folk-tales of Angola p. 311. Jacottet, Bassoutos p. IX. Junod, Bas-Ronga p. 77. Jekyll, Jamaican song 1907 p. 285. Revue des trad. pop. 1, 106. FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 17 dieselben Formeln wieder. 1 Schon bei Aristophanes bezeugt ist der weitverbreitete Anfang 'Es war einmal'. 2 Dänisch: Det var engang. Englisch: Once upon a time. Französisch: II y avait une fois. 8 Italienisch: C'era una volta; Tempo fa, ma sono di molti anni; Una volta in ne' tempi passi. Spanisch: Erase que se era; Era vez y vez. 4 Portugiesisch: Era uma vez. Lakisch: Es war einmal, es war einmal, es war einmal. Chinesisch: Pien pa = So war es. Tupi-Indianer: Paä = Es war einmal. 6 — Bisweilen wird dies 'einmal' etwas genauer als eine entfernte Vergangenheit bezeichnet: Wohl tausend und mehr Jahre her (Gr. 96), Wol twe dusend Jahr (Gr. 47), Morgen werden es gerade hunderttausend Jahre (Engelien-Lahn 1, 118), Vor vielen tausend Jahren (Wlislocki, Armenier S. 76. 87. 107), In alter Zeit (Koch-Grünberg, Vom Roroima zum Orinoco 2, 81), Vor vielen Jahren (Grinnell, Pawnee hero stories 1889 p. 25. 87. Hainbruch, Südseemärchen S. 277), Man sagt, dass in alten Zeiten (Revue des trad. pop. 25, 90: Ten'a in Alaska), In den Tagen des grossen Fürsten Arthur (Hartland, English F. T. p. 3. 372), In der Zeit der Feen (Künos S. 282), Lange vor unsrer Zeit in einem fernen Lande 1 Vgl. dazu Luzel, Revue celtique 3, 336. Sebillot, ebd. 6, 62. Basset, Revue des trad. pop. 17, 233. 347. 536. 18, 22. 202. Sebillot, Le folklore 1913 p. 23. Säinenu 1895 p. 204. ■ Zeugnisse nr. 1. Becker-Göll, Charikles 2, 46. B. Schmidt, Griech. Märchen 1877 S. 222: mia phora eian. Tradition 4, 257. — Ebenso einfach beginnt das Psychemärchen bei Apuleius, Met. 4, 8: Erant in quadam civitate rex et regina; ähnlich Peele und Shakespeare (Zeugnisse nr. 89. 90). 8 Wortspiel mit foie bei Sebillot, C. de la Haute-Bretagne 3, 197- Vgl. Luzel 1, 98. 241 'Es war einmal, wie man immer sagt, wenn man ein hübsches Märchen erzählt'. 1 Cervantes, Don Quixote 1, c. 20. Quevedo (Zeugnisse nr. 104). Folklore andaluz 1882 p. 211. Caballero, Cuentos 1878 p. n. 5 Dirr, Kaukasus 1920 S. 97. G. Gast, So war es 1902 S. 3. K. v. d. Steinen, Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens 1894 5. 356. Rink, Eskimoiske Eventyr S. 45. 18 Johannes Bolte. FFC 36 jenseits des Ararat (Mourier p. 83), In vergangener Zeit, als Brahmadatta die Herrschaft in Benares führte (Jataka nr. 70), In den ältesten Tagen beim Beginn der Welt (Folklore Journal 6, 17: Ainos), In der Sagenzeit Alcheringa (australisch bei Gennep 1906 p. 64 und CV). Auf die zu berichtende Begebenheit deuten andre Anfänge hin: Vor alten Zeiten, als der liebe Gott noch selber auf Erden unter den Menschen wandelte (Gr. 87. Asbjörnsen-Moe nr. 21), Zur Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat (Gr. 1. 127), Als die Leute noch lange nicht so klug und verschmitzt waren, wie sie heutzutage sind (Gr. 174), Als die Tiere noch redeten. ' Scherzend weist ein englisches Märchen jeden Versuch einer Datierung ab: 'Once upon a time, and a very good time it was, though it wasn't in my time, nor in your time, nor any eise's time' (Jacobs 1, 215). Und ganz ins Reich der wunderbaren und unmöglichen Dinge führen Eingänge wie: In der Affenzeit (oben 3, 244), Als die Hühner Zähne hatten (Luzel 1, 3. 66. 86. 119. 143, 2, 209. 381. 3, 181), Au temps jadis oü les poules pissaient dans un bassin (Sebillot i, 243. 3, 283), Als die Schweine in Versen sprachen und die Affen Tabak kauten, die Hühner Schnupftaback nahmen und die Enten watschelten (Jacobs, English FT. 2, 217), Als die Katzen Schuhe trugen und die Frösche sich Frauenhauben aufsetzten (Chodzko p. 177), Als die Kröte Flügel hatte, der Hahn Imam, die Kuh Barbier war (Künos, Stambul S. 38. 125. Nach Jacob 2, 18 heisst das tekerleme = Wortdurcheinander). Andre Eingänge sind persönlicher Art und suchen eine Beziehung zu den Zuhörern. In der Gascogne beginnt der Erzähler gewöhnlich mit den Worten: 'Ich weiss eine Geschichte' (Jou sabi un counte. Blade 1886 1, XLII). 8 Oben 3, 283. 255. Fabulae Aesopicae nr. 317 Halm: hote phoneenta en ta zoa. Engelien-Lahn 1, 112. Noel du Fail, Oeuvres 1, 40. 1874. Webster, Basque legends p. XL Alcover 1, 285. 4. 87. Kreutzwald 1, 1. Basset, C. herberes 1, 7. FFC 36 ______ Name und Merkmale des Märchens. 19 Der Spanier knüpft einen Segenswunsch an: 'Es war einmal, Unglück weiche und Glück komme, Unglück auf die Mauren und Glück auf uns'; ' ebenso der Grieche: 'Anfang des Märchens; guten Abend, eure Herrlichkeiten' (Hahn 1, 273). Religiöse Wendungen braucht der Araber in Palästina: 'Betet für den, den ihr lieb habt' (Schmidt-Kahle S- 53 J vgl. S. 44*); desgleichen der Kurde: 'Es war einmal ; Gottes Erbarmen sei mit den Eltern der Zuhörer, oder: Besser als Gott war keiner' (Prym-Socin 1, 1. 11. 2, 62. Dirr, Kaukasus S. 35. 47). Die Ewe in Kamerun antworten auf die Ankündigung 'Höret die Fabel' alsbald: 'Die Fabel komme!' Und der Erzähler fährt fort: Die Fabel kommt weit her, fällt auf ... die Spinne' (Meinhof, Die Dichtung der Afrikaner S. 132. Schönhärl S. VIII). Ebenso ruft bei den Negern von Dahomeh der Erzähler: 'Ein Märchen' (Alo); die Zuhörer erwidern: 'Alo', und er gibt den Titel an: 'Mein Märchen handelt von allen Tieren. 2 Anspruchslos lautet in Nassau die gereimte Eingangsformel: 'Ich erzähl ein Märchen vom Dippel Dappel Därchen, von der Dippel Dappel Fledermaus; blas der Katz das Schwänzchen aus' (Kehrein 1862 S. 96). Lehrhaft mahnt der Chilene zur Aufmerksamkeit: 'Du musst wissen, um zu erzählen, und zuhören, um zu wissen' (Bibl. de las trad. pop. esp. 1, 109). Der Italiener wie der Berber und Eskimo 3 1 Rodrigo Caro 1626; s. Zeugnisse nr. 103. 2 Bouche, La cöte des esclaves 1885 p. 93.222. — Ähnliche Dialoge bei den Akra-negern: 'Soll ich euch erzählen oder nicht? Wir nehmens an' (J. Zimmermann, The Akra or Gä-language 1858 p. 193. 200), bei den Negern von Guyana: Masak! Kam! (A. de Saint-Quentin, Histoire de Cayenne 1872 p. 199), bei den französischen Matrosen: Cric ! Crac! Une vieille morue dans ton sac, une belle fille dans mon hamac! (Jal, Scenes de la vie maritime 2, 82. Sebillot, C. de la Hauie-Bretagne 3, 74). 3 Basset, Contes pop. herberes 1, 44. 87. Rink S. 51. 55. 69. — Vgl. Reinisch, Nubasprache 1879 S. 231: 'Ein Jüngling erzählt. "Was erzählt er?' Johannes Bolte. FFC 36 beruft sich gern auf ungenannte Gewährsmänner: 'Man erzählt'; daher verspricht ein sicilianischer Kaufman seinen ganzen Laden dem, der ihm ein Märchen vortrage ohne den bis zum Überdruss gehörten Anfang: 'Si raccunta' (Pitre, Fiabe pop. sie. i, 1. 33). Auch zur Frage der Glaubwürdigkeit nehmen manche Erzähler (ebenso wie in einigen bereits erwähnten Zeitbezeichnungen) von vornherein Stellung. Denn das Volk hat zumeist vor der schöpferischen Tätigkeit des Dichters geringe Achtung und hält vielfach Dichten und Lügen für gleichbedeutend; ' da es verlangt, dass das, was ihm als geschehen berichtet wird, sich auch wirklich zugetragen habe, gerät der Märchenerzähler gegenüber einem derartigen Publikum von Erwachsenen oft in eine gewisse Verlegenheit. Während der nüchtern empfindende Baske den vorliegenden Fall als einen typischen hinstellt: 'Wie oftmals in der Welt lebten da ein Mann und eine Frau' (Vinson p. 63. 80. 103. 109. Webster p. 6. 22), lässt der Bretone dem Zweifler die Wahl: 'Hört zu, und ihr werdets verstehn; glaubts, wenn ihr wollt, glaubts nicht, wenn ihr nicht wollt; besser ists zu glauben als selber nachzusehn' (Luzel 1, 177). Oder er versichert: 'Hört zu, wenn ihr wollt; ihr sollt eine hübsche Geschichte vernehmen, in der keine Lügen vorkommen, ausser etwa eine oder zwei' (Luzel 1, 158. 289. 386. 2, 273. 3, 23. 103). Ein eigentümliches Schwanken verrät die in Ungarn, auf dem Balkan und im 1 Das erfuhr der Kulturhistoriker W. H. Riehl schon in seiner Jugend, als er seinen Schulkameraden auf dem abendlichen Heimwege von Wiesbaden nach Bieberich die Zeit durch romantische Ritter- und Räubergeschichten eigener Erfindung verkürzte und nach Monaten eingestand, däss seine Geschichten in keinem Buche ständen, sondern im eignen Kopfe gewachsen seien: beinahe wäre er dafür gründlich verprügelt worden. Vgl. seine Novelle 'Abendfrieden' (Riehl, Geschichten und Novellen 4, 16. 1899). FFC36_______ Name und Merkmale des Märchens.___________ 21 Orient verbreitete Anfangsformel: 'Es war, es war nicht'. 2 So im Ungarischen: 'Wo wars, wo wars nicht' (Rona- Sklarek 1, 25. 41. 135. 2, 1. 220). Rumänisch: 'Es war einmal, wie's einmal war; wäre es nicht gewesen, so würde es nicht erzählt; also es war einmal' (Kremnitz S. 1. 48- 133). Türkisch: J Es war einmal oder keinmal, auf dieser Welt ist schon sehr viel dagewesen, also es war einmal' (Künos, Stambul S. 339). Arabisch aus Palästina: 'Hier ist nichts und da ist nichts ausser einem Emir' (Schmidt-Kahle S. 139. 169. 199. 207). Ähnlich in Mallorca mit einem Wunsche verbunden: 'Es war und war nicht, glückliche Reise habe der Stieglitz; eine Metze für euch, und für mich einen Scheffel' (Alcover 1, 253. 2, 1. 3> 137- Ludwig Salvator S. 13). Auf andre Weise sucht der Russe kritische Bedenken gegen die Wahrscheinlichkeit seiner Erzählung zu beschwichtigen: 'Früher war es nicht so wie jetzt; früher geschahen allerhand Wunder auf der Welt, und auch die Welt selbst war nicht so, wie sie jetzt ist; zu unsrer Zeit gibt es von alledem nichts mehr' (v. Löwis S. 29). Ähnlich ein Este bei Kreutzwald 1, 212. Neckisch und schwungvoll bestimmt der Ungar zugleich den Schauplatz der Handlung, der bei Grimm meist als Dorf oder Wald beschrieben wird (nr, 13. 15. 37. Asbjörnsen- Moe nr. 8): 'Es war einmal, ich weiss nicht wo, jenseit von siebenmal sieben Königreichen und noch weiter, auch jenseit des Operenzmecres (Ozeans), auf der zusammengefallenen Seite eines zusammengefallenen Ofens . . . jenseits des Glasberges ... wo auf dem kahlen Suche-nicht- und Hundfrage-nicht-Berge sieben schlanke Weidenbäume stehen' 1 Vgl. Säinenu p. 204 und Cosquin, Revue des trad. pop. 27, 396. Dozon nr. 1. 7. 17. 19. 20. Künos, Stambul S. 8. 17. 29. 38. 52 - 6 3- 95- 150. 349; Adakaleh nr. 5. 12. Mourier p. 39. 100. Wardrop p. 109. Dirr S. 35. 42. 45. 47. Macler 1905 p. II. 45. 57- Folk-lore 1911, 351. Schiefner, Awarische Texte S. 88. Prym- Socin 1, 11, Johannes Bolte. FFC 36 (Rona-Sklarek 1, XX). Der Russe beginnt:' Über dreimal neun Landen im dreimal zehnten Reich' (Afanasjev-Meyer 1, 268). Ein bretonischer Matrose beginnt: 'Ich ging durch einen Wald, wo es kein Holz gab, durch einen Bach, in dem kein Wasser war, durch ein Dorf, in dem kein Haus war, ich klopfte an die Tür, und alle antworteten. Je weiter ich erzähle, um so mehr lüge ich; ich bekomme ja nichts dafür, dass ich euch die Wahrheit sage' (Sebillot, C. de la Haute-Bretagne 3, 74). Wie sich hier und in den Lügenmärchen oben 3, 116. 118 der Erzähler als ein aus weiter Ferne kommender Reisender gebärdet, der dort unglaubliche Dinge geschaut hat, so führt er sich bisweilen, wie Goethe in der neuen Melusine und im neuen Paris (Werke 25, 131. 26, 78 Weimar), gar selber als Helden echt märchenhafter Abenteuer ein. So erzählt ein dänischer Ziegelbrenner bei Kristensen, Fra Mindebo S. 44 das Märchen von der Verwandlung in Hund, Falken und Löwen und der im Ei verborgenen Seele des Unholds (oben 2, 269. 3, 435) in Ichform. Ein andrer Däne (Kristensen, Aev. fra Jyl- land 1, 263 nr. 35) behauptet, im Dienst eines Trolls zehn Tonnen Goldes erworben und eine Prinzessin von Preussen geheiratet zu haben; dann sei er auf die Wanderschaft gegangen, weil alle Könige ein Handwerk erlernen müssen, und wolle nun nach dem Kriege von 1864 nicht zu seinem Schwiegervater zurückkehren. Wir erinnern uns dabei an den Vaganten, der im 10. Jahrhundert sich vor Erzbischof Heriger rühmte, die Geschichte vom gestohlenen Leberlein selber erlebt zu haben (oben 2, 152), und an ähnliche Berichte von Besuchen im Jenseits, die Berthold von Regensburg im 13. Jahrhundert erwähnt (oben 2, 441), oder an den fahrenden Humanisten Samuel Karoch, der eine Novelle Boccaccios als eigenes Abenteuer wiederholt (Monta- nus, Schwankbücher S. 547). Im Verlauf der Erzählung wendet sich der Sprechende öfter an die lauschenden Zuhörer, um deren Aufmerk- FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 23 samkeit rege zu erhalten: 'Da könnt ihr denken, wie sie über ihre armen Kinder geweint hat' (Gr. 5) oder, als der Goldesel seine Wunderkraft zeigt: 'Ich sehe dirs an, du wärest auch gerne dabei gewesen' (Gr. 36) oder, als der Schneider dem Bären Steine statt der Nüsse zum Knacken reicht: 'Aber du glaubst auch nicht, dass er sie aufgebracht hat' (Gr. 114). Voll Mitgefühl redet er die in Armseligkeit versunkene Heldin an: 'Ach du schöne Königstochter, wie solls mit dir noch werden' (Gr. 65). Er fragt die Zuhörer, als das im Winter nach Erdbeeren ausgesandte Mädchen den Schnee wegkehrt: 'Und was glaubt ihr wohl, dass es gefunden hat?' (Gr. 13). Oder als die Gottesmutter den Geschwistern zwei Kästchen überreicht: 'Was mochte aber in dem Schächtelchen sein? Das wirst du gleich hören, mein Kind' (Zingerle i 2 , 2). Norwegisch: 'Das sollst du erfahren' (Asbjörnsen-Moe nr. 37). Auch der italienische Erzähler zeigt seine Lebhaftigkeit in Ausrufen an die Anwesenden : Figuratevi, Deccoti, Che volete, Ora si deve sapere. l Zuweilen dient solche Frage auch als Übergangsformel zu einem andern Teile des Märchens. So gegen Ende des 'Goldenen Vogels' (Gr. 57): 'Aber wie ist es dem armen Fuchs ergangen?' oder im 'Tischen deck dich' (Gr. 36): 'Wo ist aber die Ziege hingekommen, die schuld war, dass der Schneider seine drei Söhne fortjagte?' Im schwäbischen Märchen bei E. Meier nr. 42: 'Was ist denn aber aus Karl geworden? fragst du mich. Gib acht, ich will dirs genau erzählen/ Im kaukasischen Märchen bei Dirr S. 131: 'Nun, was soll ich dir jetzt erzählen? Soll ich vom dreiköpfigen Ajdaha Nachricht geben?' — Es begegnen uns jedoch auch andre formelhafte Überleitungen in der Mitte von verwickeiteren Geschichten, wenn der Erzähler den Schauplatz wechselt und den Helden auf eine Weile verlässt, um sich dem Schicksal einer andern Person zuzu- 1 Nerucci, Novelle popolari montalesi 1891 p. 462. 422.311.123. 3 24 Johannes Bolte. FFC 36 wenden. So heisst es im alten Hildebrand (Gr. 95): 'Hietzt lassen mir aber dö zwa indessen auf der Seiten und gänga mir mit'n Baur.' Bei Wolf, Hausmärchen S. 60: 'Nun müssen wir ihn in dem Walde bei dem Förster lassen und sehen, wie es mit dem Schloss im Berge Muntserrat steht.' Bei Engelien-Lahn 1, 128: 'Nu müdden wi de arm gnädje Fru in äa Krötenjestalt en bitschen valoten'. Bei Strackerjan 2 2, 488: 'Un nu wewi sehn, wo't mit de Jun- gens gähn hett in'11 Kasten up't Water.' Im Schwedischen bei Hylten-Cavallius 1, 108 nr. 5 b: 'Die Sage wendet sich nun zu Wattumann.' Im mallorkinischen Märchen bei Alco- ver 3i 57- 60: 'Nun wenden wir uns zu' . . . Im toska- nischen Lei Nerucci p. 15: 'Ora, lassamo stare il calzolajo e la Caterina e torniamo agli assassini.' Im albanischen bei Dozon p. 99: 'Laissoiis le pacha et oecupons-nous de ses femmes.' Im arabischen bei Schmidt-Kahle S. 143: 'Die Erzählung kehrt zu dem Neger zurück'; vgl. S. 105. 135. Im tunisischen bei Stumme 1893 2,96: 'Lass jetzt Muham- med mit der Dienerin gehen ; die Erzählung möge sich zu Ali wenden, der allein weitergewandert war.' Kunstmässi- ger klingt der Übergang im estnischen bei Kreutzwald !> 73 : 'Während wir Else ihren Kummer überlassen, wollen wir uns ins Dorf begeben, um zu sehen, wie die Sachen auf dem väterlichen Hofe gehen'. Das ist eine Fortsetzung mittelalterlicher Erzählertechnik. Denn während der antike Epiker einen solchen Wechsel entweder durch eine knappe Gegenüberstellung der beiden handelnden Personen bezeichnet oder sich begnügt, die neue Episode durch das einzige Wörtchen 'Aber' oder 'Inzwischen' einzuleiten, 1 sucht der Spielmami des 12. 1 Vgl. in der homerischen Odyssee 4, 620 die Verlegung des Schauplatzes von Sparta nach Ithaka: 'Also redeten Jen' im Wechselgespräch mit einander; aber die Freier indes vor Odys- seus hohem Palaste freueten sich mit Scheiben und Jägerspies- sen zu werfen; ebenso 15, 493. 16, 321. 24, 203. Ähnlich versetzt FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 25 Jahrhunderts, der durch mancherlei Wendungen, Wahr- heitsbeteuerungen, Aufforderungen, Versprechungen die Beziehung zu seinem Publikum aufrecht zu erhalten weiss, die Erwartung der Hörer durch einen nachdrücklichen Fingerzeig auf die neue Begebenheit hinzulenken.' Im Salman und Morolf 579,3 heisst es: 'Nu läzen wir die rede stän; von des kuniges Foren swester solen wir den douf heben an.' Im Sankt Oswald 2413, nachdem die Wächter der Königstochter durch den goldgehörnten Hirsch aus der Burg gelockt sind: 'Nu läze wir si den hirz jagen.' Im Nibelungenliede 1446,1 nach der Meldung von der Zusage der Burgunden: 'Nu läzen daz bellben, wie si gebären hie.' In der Kudrun 951,1 nach der Schlacht am Wülpensande: 'Nu läzen wir beliben, wiez umbe si gestä . . . wir sulen läzen hoeren umbe Hartemuote'. Laurin 1758: 'Nu läz wir si mit fröuden zogen, wir suln von Laurlne sagen.' Wolfdietrich B 155,:: 'Nu läzen wir daz kindel bi den wolven hie und hoeren, wiez der muoter ze Salnecke ergie'. Virgi- nal 72,4 und 218,1: 'Nu län wir si in vröuden hie und sagen, wiez Bibunge ergie'. Rabenschlacht 465,1: 'Nu läze wir daz msere mit disen dingen stän'. Passional 81,47 ed. Hahn: 'Wir läzen Christum hie ligen eine wile verswigen'. Die Formel pflanzt sich auch in der prosaischen Erzählung V e r g i 1 in der Aeneis 10, 146 den Leser aus dem bestürmten Lager auf die hohe See: Uli inter sese duri certamina belli contu- lerant: media Aeneas freta nocte secabat; vgl. n, 445. Bisweilen bringt er die frühere Handlung in einem Nebensatze mit dum unter, so 7, 475: Dum Turnus Rutulos animis audacibus implet, Allecto in Teucros Stygiis se concitat alis; vgl. 5, 605. 7, 540. 8, 454. Meist aber schreitet er mit einem blossen interea (1, 418. 4, 129- 5, i- 572. 779. 9, 159. 473. 10, 1. 118. 287. 606. n, 532. 597. 896. 12, 161. 791) oder at (5, 779. 8, 370. 608. 9, 503. 10, 267. 362. 689. n, 597. 12 , 134) weiter. 1 Vgl. J. Grimm, Dt. Grammatik 4, 142 = n. Aufl. 4, 17°- Piper, Die Spielmannsdichtung 1, 70 (1887). Martins Einleitung zur Kudrun 2 S. XXXVII. G. Fauth, Wickrams Romane 1916 5. 80. 87. 92. 95. 26 Johannes Bolte. FFC 36 fort, z. B. in Aucassin et Nicolete ed. Suchier 36,1: 'Or lairons d' Aucassin si dirons de Nicolete'. Rabelais, Gar- gantua 1, e. 28: 'Or laissons les la, et retournons a nostre bon Gargantua.' Loher und Maller ed. Simrock S. 55: 'Hier lasse ich von Lohern und sage von Mallern, seinem Gesellen, der unter den Toten lag.' Warbeck, Die schöne Magelone 1894 S. 45: 'Nun wollen wir von im lassen zu reden und von der schonen Magelonna sagen'. Wickram, Galmy (Werke 1, 43,3): 'Dise lassen wir also hinreiten und sagen fürthin von der hertzogin.' P. von der Aelst, Hey- monskinder 1887 S. 59'• 'Nun will ich von König Carl schweigen und sagen von Reinoldts Thaten'. Selbst bei den höfischen Dichtern, die doch weit kunstreichere Überleitungen verwenden (man denke an Hartmanns Iwein 2971—3036, Wirnts Wigalois 7905—8094 oder Wolframs Parzival 337,1 . 433,1), stossen wir gelegentlich auf die alte volksmässige Art der Verknüpfung, z. B. bei Wolfram 222,111: 'Hie sule wir diz maere län und komens wider an die vart' und bei Ulrich von Zatzikhoven, Lanzelet 5676: 'Nu läzen wirn hie büwen und hoerent, wiez süle ergän üf der burc ze Kardigän.' Die Schlussf ormel n, die Petsch in einem lehrreichen Büchlein zusammengestellt hat, ' nehmen entweder auf das fernere Schicksal des Helden bezug oder lenken den Blick auf den Erzähler und seine Glaubwürdigkeit oder kündigen schlechtweg an, dass das Märchen zu Ende sei. Ungemein oft heisst es: 'Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute'. - Der mallorkinische Er- 1 R. Petsch, Formelhafte Schlüsse im Volksmärchen 1900. Treichel, Zs. des histor. Vereins für Marienwerder 21, 49 (1882). Sainenu, Basmele romäne p. 212. 2 Grimm nr. 51. 94. Petsch S. 42. Wisser, Plattdt. Vm. S. 14. 240. 247. De Mont en de Cock, Vertelsels p. 172. Kristensen, Aev. fra Jylland 1, 73. 2, 229. 3, 139. 4, 54. Hylten-Cavallius nr. 5 a. As- björnsen-Moe nr. 25. 51. Campbell i, 85. Revue des trad. pop. 17. 24. 350. 538. Alcover 1, 19. 3, 101. 4, 16. Ilg 1, 80. 183. Les- FFC36 Name und Merkmale des Märchens. 27 zähler' versichert: 'Im Himmel sehen wir uns alle zusammen', während der wallisische Zigeuner die Geschichte von dem in den Himmel aufgenommenen Schmiede (Groome p. 249) weniger zuversichtlich endigt: 'Dort werden wir ihn alle einst sehen, falls wir nicht statt dessen zum Teufel kommen.' Der Grieche schh'esst mit dem freundlichen Wunsche für seine Hörer: 'Sie lebten sehr glücklich, und wir noch glücklicher'. Ähnlich der Albanese und der Araber, 2 während der Sizilianer mit bitterem Humor klagt: 'Da blieben sie glücklich und zufrieden, wir aber gehen leer aus' oder malerischer: 'wir stehn da barfuss wie Packesel, wie ein Bündel Wurzeln, wie Leuchter, wie erloschene Feuerbrände, wir lecken uns die Zähne'. 3 Bisweilen behauptet der Erzähler, noch kürzlich habe er den Helden besucht und sei von ihm bewirtet worden, oder er habe ihm auf seiner Harfe vorgespielt. * Er zeigt also dieselbe Keckheit, mit der schon im angelsächsischen Liede Widsid der fahrende Sänger prahlt, er habe vom Burgundenkönige Günther, vom Langobardenherrscher Albuin und von Er- manarich kostbare Ringe zum Geschenk erhalten, oder mit kien, Balkan S. 236. 256. Sainenu p. 213. Schullerus, Siebenbürg. Archiv 33, 640. 393. 593. 521. 655. Leskien-Brugman S. 371. Rona- Sklarek 1, 41. 2, 12. Groome p. 84. 112. 143. Wichmann, Syrjä- nische Volksdichtung 1916 S. 13. 1 Alcover 1, 40. 2, 53. 3, 61, 4, 13. Ähnlich Gonzenbach 2, 165. 170. 176 und Luzel, Legendes chretiennes r, 174. 307. 2 Hahn 1, 273. 286. 2. 74. Kretschmer S. 18. 232. Leskien, Balkan S. 228; vgl. 133. Schmidt-Kahle S. 185. 229. 223. 251. 3 Gonzenbach 1, 19. 205. 211. Pitre, Fiabe sie. 1, 3. 106. 160. 267. 226. 2, 128. 136. 4, 287. Petsch S. 78. Zufriedener klingt Pitre 2, 190: Iddi ristaru euntenti e filici, e nätri ristammu cu l'amici. 4 Kristensen, Aeventyr fra Jylland 4, 304. 71; Fra Bindestue 1, 124. Petsch S. 69. Groome p. 218. 232. 262. Ein pommersches Märchen vom abenteuernden Schmied bei Jahn 1, 142 schliesst: „Erst neulich ist er bei uns gewesen und hat eins aufgespielt, und wir haben ihm einen Groschen gegeben, dass er dafür einen guten Schluck trinken könne. Wartet nur ab, bald wird er auch zu euch kommen, dann könnt ihr euch die Geschichte mit ansehen." 28 Johannes Bolte. FFC 36 der Deor versichert, von dem liederkundigen Horand aus seiner früheren Stellung verdrängt zu sein.' — Am Schluss der naturdeutenden (ätiologischen) Märchen 2 findet sich oft die Angabe, dass die Veränderung im Äusseren des Tiers oder der Pflanze noch immer andauere: dass z. B. der Scholle das Maul schief steht (Gr. 172), dass der Ruf der Lerche, der Rohrdommel, des Wiedehopfs (Gr. 171. 173) noch ebenso klingt, dass die Kornähre noch ebenso kurz ist (Gr. 194) oder die vierzig letzten Lebensjahre des Menschen Eigenschaften der Tiere aufweisen (Gr. 178). Seltener endet das Märchen mit einer Nutzanwendung, wie sie die Fabel kennt, z. B. 'Siehst du, so gehts in der Welt' (Gr. 2) oder 'Eile mit Weile' (Gr. 184, vgl. 29. 160) oder 'Wohlgetan wird schlecht gelohnt' (Asbjörnsen-Moe nr. 47); denn eine gute Lehre ist nicht sein Zweck, aber sie erwächst leicht daraus wie eine gute Frucht aus einer gesunden Blüte ohne Zutun der Menschen. 3 Zur Beteuerung der Glaubwürdigkeit dient eine Berufung auf den Gewährsmann. 4 Serbisch: 'Wie ich das Märchen gehört habe, erzähle ichs wieder' (Wuk S. 179). Schwedisch: 'Lüge ich, so lügen die, die es mir erzählt haben' (Sv. landsmälen 5, 1, 137). Friesisch: 'Hiermee is't vertelsel uit, en die't het laatst verteilt heeft, Ieeft nog' (Dykstra 2, 86). Deutsch: 'Un we dat lest verteilt hat, 1 Beowulf hrg. von Wülcker 1883 S. 3 v. 66. 70. 88. Ebd. S. 280 v. 39. 2 Vgl. Dähnhardt, Natursagen 1, X. 3 So W. Grimm, Über das Wesen der Märchen (KHM. 1819 1, XXIV = Kl. Schriften 1, 335). Basile freilich versäumt kaum, ein Sprichwort am Schlüsse anzuheften, und Perrault bringt regelmässig eine gereimte Moral. Fromme Sprüche bei Luzel, Legendes chretiennes 1, 137. 208. 210. 215 und Schmidt-Kahle, Palästina S. 44*. Andre Beispiele bei Petsch S. 53. 4 Vgl. Petsch S. 67. So wälzt schon im 12. Jahrhundert Lamprecht im Alexanderliede v. 18 die Verantwortung auf seinen Vorgänger ab: Louc er, so liuge ich. Piper, Spielmannsdichtung 1887 1, 64. FFC 36 Name uud Merkmale des Märchens . __________ 29 den is de Mund noch warm' (Gr. 113. Zingerle i 2 , 115)'. Baskisch: 'Wenns nicht wahr ist, solls mir ebenso ergehen' (Webster p. 136). Wer aber noch zweifelt, der mag selber hingehn und sich von der Wahrheit des Berichteten überzeugen. ■ Oder es heisst scherzhaft geradezu: 'Wers nicht glaubt, zahlt einen Taler.' 2 Gerade umgekehrt schliesst ein Lügenmärchen (Gr. 159): 'Mache das Fenster auf, damit die Lügen hinausfliegen!' Bei den Negern in Togo entschuldigt sich der Erzähler: 'Als ich herkam, hat mich ein altes Weib betrogen, ich betrüge euch auch', worauf die Zuhörer antworten: 'Jawohl, du hast Salz im Munde' (erzähltest geschickt) und er höflich erwidert: 'Ihr habt ein rundes Ohr' (Schönhärl S. VIII). Beinahe philosophisch verteidigt sich ein Grieche: 'Lügen und Wahrheit sind die Märchen' (Säinenu p. 213. Hahn 2, 124); ein andrer entschuldigt sich: 'Ich war nicht dabei, darum brauchst du es nicht zu glauben' (Kretschmer S. 280. 115. 128. Hahn 1, 185. 2, 39. 62). Besonders beliebt aber ist die gegenteilige Versicherung, der Erzähler komme eben aus dem Orte, .wo die Geschichte sich abspielte, 3 ja er sei auf der Hochzeit, die das Glück des Helden krönte, selber mit unter den Gästen gewesen. 4 Eine Tirolerin bei Zingerle 2, 355 will Geschichte von einer Frau gehört haben, die bei der Hochzeit Geschirr abgespült hat, ein Holsteiner bei Wisser S. 162 von seinem Grossvater, der dabei einen Korb voll Bier und eine Buddel voll Butterbrote bekam. Meist fügt der Erzähler, 1 Grimm 174. Wisser S. 50. Haltrich nr. 68. Alcover 2, 2 53- 3, "8. 4, 98. Petsch S. 68. 2 Grimm 114. Haltrich nr. 71. Petsch S. 66. ' Norwegisch bei Asbjörnsen-Moe nr. 28. Schottisch bei Campbell 1, 38. 152. 213. 222. 3, 264. 3" (Und da verliess ich sie. Mich Hessen sie sitzen). Zigeunerisch bei Wlislocki 1890 S. 346. 387. 406. Groome p. 21. 24. 29. 40. 48. 65. 15t Armenisch bei Wlislocki 1891 S. 96. 4 Baskisch bei Vinson p. 60. 104. Webster p. 35. m. Leskien, Balkan S. 197. 204. 282. Wlislocki, Zigeuner 1886 S. 35. 30 Johannes Bolte. FFC 36 um für sich Teilnahme zu erwecken, hinzu, von den köstlichen Geschenken sei ihm nichts geblieben, oder er sei einer Ungeschicklichkeit wegen hinausgeworfen oder gar unterwegs beraubt worden.' In Schleswig (Müllenhoff S. 456) heisst es: Saeben Jaer un enen Dag Fyern se dat Bruetgelag; Da kreeg ik een paar, gläsern Scho, Da danz ick op na Hues hento; Da stött ik an en Steen: Kling! säen myn Scho un gingen vun een. 2 In Jütland berichtet der Erzähler, er habe auf der Hochzeit Brot in einer Flasche und Bier in einem Tuche, einen Rock von Papier, einen Hut von Butter und Schuhe von Glas bekommen, und als er all diese Gaben verloren, sei er bei den Salutschüssen auf eine Kanonenkugel gesprungen und hergeflogen. 3 Ein Norweger bei Asbjörnsen-Moe nr. 31 .schliesst: 'Ich bekam nur ein Butterbrot, das legte 1 Vgl. oben 2, 87. 204. Petsch S. 70. Jahn 1, 74. Lemke 2, 68. 150. 166. Revue des trad. pop. 17, 242. 351. 540. — Ein andres Missgeschick trifft den rumänischen Erzähler bei Schul- lerus, Archiv 33, 46o: 'Von wo ich's gehört, von dort hab ich's erzählt, und ich trat auf einen Nagel und sage nichts mehr, ich stieg auf ein Huhn, und dies schüttelte mich in den Kot, ich stieg auf einen Hahn, der schüttelte mich hinunter.' Ein serbischer Erzähler bei Krauss 1, 479 nr. 109 wird gar in einen Mörser geladen und abgeschossen und erlebt die unglaublichsten Abenteuer. 2 Vgl. G. Hauptmann, Einsame Menschen 5. Akt (Werke 1, 268): 'Da zog ich mir einen gläsernen Pantoffel an, und da stiess ich an einen Stein, und da machte er kling, und da sprang er entzwei'. Anders Müllenhoff S. 436: 'Nu dat weer en Fest. Weerst du da ock mit west. Da kreeg ik een lütte Mues, da reed ik op na Hues, da trok ik se in den Stall — nu is myn Verteilen all.' 8 Kristensen, Aev. fra Jylland 1, 82; vgl. 4, 158. Ähnlich schottisch bei Campbell, West Highlands 2 1, 308. FFC36 Name und Merkmale des Märchens. ____________ 31 ich auf den .Ofen, und das Brot verbrannte und die Butter schmolz'. Bretonisch: ' J'e'tais par lä aussi, avec mon bec frais, Et comme j'avais faim, je mordis tot; Mais, un grand diable de cuisinier qui etait lä, Avec ses sabots ä pointe de Saint-Malo, Me donna un coup de pied dans le derriere Et me lanca sur le haut de la montagne de Br6, Et je suis venu de lä jusqu 'ici, Pour vous raconter cette histoire. Italienisch bei Pitre, Novelle pop. toscane p. 207: Se ne stettero, e se ne godettero, E a me nulla mi dettero; Mi dettero un panierin di vino, Un fiaschetto di pane, Un paio di scarpettine rosse, Andetti a casa, e eran tutte rotte.'-' Mallorkinisch bei Alcover 3, 174 (vgl. 1, 70. 298): Y jo me'n vaig venir Ab un capellet de vidre, Y eis atlots p'es cami, Maquets y maquets, Y no me dexaren boci. In spanischen Märchen heisst es oft zum Schluss: 'Mir gaben sie Schuhe aus Schmalz, die zerschmolzen unter- 1 Luzel, Contes pop. 2, 79; vgl. 1, 176. 449- Sebillot, C. de la Haute-Bretagne 3, 31. 163. Hyde, Beside the fire p. 15. 177. 2 Variiert ebd. p. 287: Mi diede un confettino, Lo messi in quel buchino; Andate a vedere se c'e piü. Oder p. 106: Fecero le nozze e un bei convito; A quello che la [novella] senti un bei topo arrostito. — Eine ähnliche Verheissung für die Zuhörer bei Caballero, Cuentos 1878 p. 52: Pase" por la cabreriza, y alli me die- ron dos quesos: uno para mi, y el otro para el che escuchare aquesto. Eine türkisch-armenische Parallele folgt unten S. 36". 32 Johannes Bolte. FFC 36 wegs'. 1 Oder auch: 'Mir gaben sie nichts'. 2 Portugiesisch bei Athaide d'Oliveira 1, 53 (vgl. i, 453): Deram-me um prato de lentilhas, E se transformaram em mentiras. Rumänisch bei Kremnitz S. 132: 'Auch ich war dabei; da ich aber auf einem Fusse lahm bin, langte ich an, als die Hochzeit schon vorüber, und fand mit grosser Mühe nur noch klare Brühe, suchte vergebens drin herum, fand von Fleisch nicht eine Krum, schlürfte dann aus einem Sieb: stell dir vor, wie viel mir blieb, und wie ich die Zeit vertrieb!' Russisch bei A. v. Löwis S. 55 (vgl. 142): 'Bei ihnen war ich, Met und Wein trank ich; übern Bart da floss es mir, doch der Mund blieb trocken mir.' Ebd. S. 18: 'Es gab ein Gastmahl, dass der Rauch bis zum Himmel stieg und in den Wolken hangen blieb; als ich aber von dem Gastmahl fortging und auf diese Wolke guckte, da fiel ich hin; und als ich gefallen war, stand ich hier mit einem Mal; ihr aber batet um ein Märchen, nun hab ich euch eins erzählt.' Litauisch bei Jurkschat 1, 38: 'Ich hatte gläserne Stiefel, einen Hut von Butter, einen Rock von buntem Papier, Hosen von Spinnweben.' Finnisch in Aarnes Register nr. 1880. Syrjänisch bei Wichmann 1916 S. 5. Der kahle Schluss 'Nun ists aus' :! (EyS. 159), 'So, nu is't ut' (Wisser S. 274), 'Damit ists aus' (Kristensen, Aev. 3, 39), 'Länger ist die Geschichte nicht' (Kristensen, 3, 58. 4, 105. Bindestuens saga S. 41), 'Der Topf ist leer' (Kristensen, Fra Bindestue 2, 137), 'Weiter hab ich nichts gehört' (Hylten-Cavallius nr. 7 a. 9. 12. 13. Asbjörnsen-Moe nr. 45), 1 Bibl. de trad. pop. esp. 1, 182. 8, 179. 190. 201. 10, 116. 286. 2 Caballero, Cuentos 1878 p. 43. Portugiesisch : Tradicao 1,191, 3 Vgl. Petsch S. 56. Gewagt ist die Heranziehung des 'aoi' am Schluss einzelner Abschnitte des altfranzösischen Rolandsliedes und des 'sela' in den Psalmen bei Kahlo 1919 S. 25. FFC36 Name und M erkmale des Märchens .___________ 33 That's all' (Jacobs, English fairy tales 1, 221), 'Se acabö el cuento' (Bibl. de las trad. esp. 1, 113. 2, 85), 'Somit endet die Geschichte' (Hg, Makes. M. 1, 11. Schreck, Finn. M. S. 43. Hein-Müller, Mehri-Texte S. 6. 17. 22. Kölle p. 156. Chatelain p. 51. Junod p. 253), 'Aus J (Morris, Mentawai S. 80. 84: Läpa oder Pa-an. Hambruch S. 347 nr. 47: Ouä) wird nicht selten mit einem Reime verbrämt: 1 'Snipp snapp, Snut, tili 's dei Geschieht ut' (U. Jahn 1, 228), 'Snip snap snude, nu er mit Emter ude' (Kristensen, Fra Mindebo S. 112. Asbjörnsen-Moe nr. 19. 40) oder: 'Da kam eine Maus, das Märchen war aus'; 2 vlämisch: 'En 't is uit, en de kat is de bruid, en de hond gaat morgen trouwen, en wie gaat er de speelman zijn? de kat met haar vier klauwen'; 3 französisch: 'Et ni ni, mon petit conte est fini' oder: 'Et cric a crac, moun counte es acabat (= acheve)'; 4 katalanisch: 'Acabat amen Jesus, deträs de la porta n' hi ha un füs'; 5 spanisch: 'Y se acabö mi cuento con pan y pimiento', 'Colorin colorao, mi cuento s' ha acabao', 'Cuento contado, ya se ha acabado, y por la chimenea se 1 Vgl. Der Wiener mervart v. 702 (Lambel, Erzählungen und Schwanke 1872 S. 236): Diz msere ist üz an dirre stat, daz ist diu mervart genant, der namen läzt iu sin bekant. J. Grimm, Kl. Schriften 1, 104. Petsch S. 57. 2 Grimm nr. 127; vgl. oben 2, 198. Zingerle i 2 , 43- 57- Wolf, Hm. S. 242. 423. Kehrein, Nassau 1862 S. 96: 'Nun ist das Märchen aus, da droben läuft die Maus; fang sie und mach dir en Pelzkapp daraus.' Schollen, Zs. des Aachener Geschichtsv. 10; 188 (1888): Et körn en Mus dörch et Huss, ess et ganz Verzellche uss'. Klee- berger, Volkstümliches aus Fischbach 1902 S. 64: 's Liedche ist aus, und dort springt eine Maus'. Vernaleken, KHM S. 55. 199- 297: 'Aus ist das Liedl, aus ist der Tanz; Madl bring Blumen, wind mir nen Kranz.' 8 De Mont en de Cock, Vertelsels p. 209. Andre Reime aut uit ebd. p. 159. 266. 310. 313. 1 S^billot, C. de la llaute-Bretagne 3, 47- Revue 2& > ? 8 - Blade 1, XLIV. 5 Maspons, Rondallayre 3, 66. 34 Johannes Bolte. FFC 36 fue al terrado'; 1 portugiesisch: 'Benedito e louvado, meu conto celebrado', 'E quem lä se viu, e' que lä se achou, beijinhos e abracos para quem o contou'; 2 italienisch: 'La mi' novella nun e piü lunga, tagliatevi '1 naso e i' mi taglio l'ugna', 'E accosi la novella gli e finita, e se' un vi garba leccatevi le dita'; 3 zigeunerisch: 'Und hier ist das Märchen zu Ende, Gott alles zum Guten wende' oder . . . 'lauf zum Teufel behende'; 4 serbokroatisch: 'Froh zog er nach Haus, und diese Mär ist aus'; 8 arabisch: 'Geflogen ist der Vogel, und damit guten Abend'." — Eigentümlich bricht bisweilen der französische Erzähler mit dem Hahnenschrei ab, der das Morgengrauen verkündet und aus den Träumen der Märchenwelt in die nüchterne Wirklichkeit zurückruft: (Mais une nuit . . . le coq chanta, il etait jour, et mon conte est fini', 'Le coq chanta alors, messieurs, il etait jour', 'Lou gal cante e foughe jhour, je jettai mon chapeau par dessus le mur, et je ne sais ce que tout cela devint'. 7 Das erinnert an den alten Schwank von dem geschwätzigen Liebhaber, der plötzlich bemerkt, dass er vor dem betrogenen Ehegatten steht, und darauf seine Erzählung mit der Erklärung abbricht: 'Da erwachte ich'. 8 1 Bibl. de las trad. esp. 10, 30. 75. Folklore andaluz 1, 133. Caballero, Cuentos 1878 p. 30. 2 Tradicao 1, 161. 2, 2, 192. 4, 143. 175. 3 Nerucci p. 237. 443. 1 Wlislocki 1886 S. 98. 118. 55. 138. 1890 S. 419. 5 Krauss, Südslawen 2, 448; vgl. 1, 234. 6 Schmidt-Kahle S. 85. III. 199. 215. Stumme, Maltesische M. S. XIV. 7 Carnoy, Picardie p. 171. 272. Carnoy, C. francais p. 258 = Romania 8, 234. Dictionnaire languedocien, Nimes 1756 p. 224. Revue des langues rom. 31, 591. 40, 428. 457. 466. Sebillot, Au- vergne p. 41. 8 Bolte, Zs. f. Volkskunde 15, 69 (J. Agricola, Sprichwörter 1529 nr. 624, Straparola IV, 4 usw.) Mit denselben Worten bezeichnet schon in Aristophanes Fröschen v. 51 Herakles die Erzählung eines andern als Traum. FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 35 Oft schliesst sich auch die Aufforderung an, einer der Zuhörer möge ein andres Märchen zum besten geben. So heisst es schon um 1540 bei Jacob Vielfeld: 1 'Also ist mein märlin auss und kummt in Schulss Hansen hauss': Und Gerhard Lorich bemerkt 1545 in seiner Oviderklärung: Alcithoe hat sich redlich erlöst; ihr Märlein ist aus und geht vor ihrer Schwester Leucothoe Haus.' Siebenbürgisch: 'Meny Mer äs aus, bäs vuer des Nöber seny Haus; wi se besser kän, di söse eraus' oder 'Da läuft die Maus bis zum Pfaffenhuberischen Haus.: Österreichisch: 'De Geschieht is aus, dort lauft a Maus, hat a rots Rockerl an, jetzt fongt a andrer zun erzählen an.' Hessisch und mecklenburgisch: 'Mein Märchen ist aus und geht nun vor N. N. sein Haus.' Münsterländisch: 'Dat und dat is ute, nu will wi es no Mickschen gohn, dat hef sone schewe Schnute'. Holsteinisch: 'Snipp snapp Snut, min Stück is ut; Leller um Leller, verteil mi mal 'n Stück weller'. Dänisch: 2 'Snip snap snude, nu er aeventyret ude; tip tap tende, nu kan en anden begynde' oder: 'nu mä du begynde en lige sä lang og en lige sä trang, men ikke det selve samme.' Schwedisch: 'Nu skicker ja min saga pä en sticka til den, som bättre kan dikta'. Norwegisch: 'Saa laegger jeg mit Eventyr paa en Slaede og kjerer det til dig, som bedre kan kvsede'. Italienisch 3 1688 bei Lippi, der den 9. Gesang seines 1 Zeugnisse nr. 73. Haltrich nr. 56. Kbl. f. siebenbürg. Landeskunde 1902, 24. Vernaleken, KHM S. 6. J. Grimm, Kl. Sehr. 1, 103. Oben 2, 482. 3, 538. G. F. Meyer, Plattdeutsche Kinderreime 1908 S. 55. — In Boccaccios Decameron, Chaucers Canterbury Tales und ähnlichen Rahmengeschichten bestimmt der von der Gesellschaft erwählte Vorsitzende die Reihenfolge der Erzähler. * Kristensen, Aev. fra Jylland 2, 43. 3, 246. 345; Börnerim 1896 S. 392. — Afzelius, Sagohäfder 3, 148. Asbjörnsen-Moe nr. 76. 3 Zeugnisse nr. 120. Pitre, Fiabe sicil. 1, 196 nr. 21. Im- briani, Nov. fior. 1877 p. 521. Weber S. 9. Ortoli p. 193. De Nino 3, 6. 295. Andrews p. 49. Schneller S. 47. Anderes bei Prato, La Tradition 4, 261. 263. FFC 36 Johannes Bolte. 36 Malmantile racquistato genau wie neuere Märchenerzähler schliesst: 'Stretta la foglia sia, larga la via; dite la vostra, che ho detto la mia'. Aus Toskana: 'E cosi termina la novella; ditene, se vi pare, una piü bella' oder 'Fola foletta, dite la vostra, chi la inea e detta' oder: 'Favola e favoletta, racconta la tua, che la mia e detta; con una coda di sardella, racconta la tua, che la mia e piü bella'. Aus Mentone: 'Maintenant passe par une porte, passe par 1' autre, va chez le roi qui t' en racontera une autre'. Der Araber 1 vergleicht die eben vorgetragene Geschichte mit einem vorüberziehenden Reiter: 'Geflogen ist ihr Staub, und es ist an Abu Ibrahim, sie zu ersetzen'. Der Neger aus Angola bei Chatelain p. 181 endigt: 'Wir haben unser Märchen erzählt, seis gut, seis schlecht: ist einer da, der mehr erzählen will, so lasst ihn erzählen! Schluss.' Anmutig weiss der Sizilianer 2 den Ruhm seiner Kunst mit einem Glückwunsch für den Hörer zu verbinden: 'Das Märchen aus der Muschel tönt, das Märchen aus dem Becken fliesst; wie schön ist doch die Dame, die mich's erzählen hiess!' oder: 'E cu l'ha ditta, e cu l'ha fattu diri, di mala morti nun pozza murin!' Armenisch: 3 'Vom Himmel fielen drei Äpfel herab, einer für den Erzähler, einer finden, der ihn erzählen liess, der dritte für den Zuhörer.' Imeretisch bei Dirr S. 35: 'Solange ich nicht in einem Fingerhut Hirse koche, sie mit einer Nadel umrühre und mit dem Fingernagel auslöffle, so lange mögen auch die, welche diesem Märchen zugehört haben, kein Kopfweh bekommen.' Georgisch bei Dirr S. 42. 45. 47. 65: 'Leid dort, Freude hier, Kleie dort, Mehl hier'. Der Kurde 4 schliesst kurz mit 1 Schmidt-Kahle S. 57. 47. 8 Gonzenbach 2, 84. Pitre, Fiabe sie. 1, 40g. 2, 17. 1, 405. Vgl. De Nino 3, 75. 8 Chalatianz S. 63. Wingate, Folklore 1911, 481. Macler 1905 p. 49. Ebenso türkisch: Künos, Stambul S. 87. 180; Adakaie rir. 36. 4 Prym-Socin 1, 18. 19. Vgl. noch Petsch S. 81. FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 37 einem 'Bleib gesund' oder 'Gehab dich wohl'. Der Suaheli in Zanzibar (Steere p. 281) sagt bescheiden: 'Wenn die Geschichte schön war, so gehört die Schönheit uns allen; war sie schlecht, so trifft die Schuld mich allein, der sie erzählte'. Der Berber ' rühmt sich, sein Vorrat an Geschichten sei noch nicht zu Ende; er bittet aber Gott um Verzeihung, falls er etwas vergessen habe. In der Gascogne 2 versichert der Erzähler, die Geschichte sei nun zu Ende, aber für einen Heller werde er eine noch schönere auftischen, und spielt damit auf die erwartete Belohnung an, ebenso wie der bretonische 3 mit seiner Frage: 'Das war die Geschichte von Jean und Jeanne; habt ihr schon eine schönere gehört?' Deutlicher drückt sich der sieben- bürgische Zigeuner bei Wlislocki 1886 S. 121 aus: 'Ich spielte auf ihrer Hochzeit meine schönsten Lieder und bekam dafür zwei Dukaten; gebt ihr mir wenigstens zwei Kreuzer, so will ich euch ein noch schöneres Märchen erzählen.' Ahnlich der Russe: 'Für dich das Geschichtchen, für mich ein Topf mit Butter' (Afanasjev-Meyer i, 63). Der Araber 4 stellt die Entscheidung seinem Publikum anheim: 'Wenn mein Märchen schön war, so gebt mir einen runden Kuchen; wars schlecht, so hängt mich am Maulbeerbaum auf!! Ein Isländer 5 wünscht zwar zu guter letzt seinen Hörern allen den reichbesetzten Tisch seiner Heldin, nimmt aber die kargen unter ihnen aus: 'Doch brenn im Kopfe eine Bonn dem, der nicht zahlt Erzählerlohn!' Gerade heraus ruft ein englischer Zigeuner bei Groome p. 232: 1 Basset 1, 74. 2, 152. 102. 124. 2 Blade 1, XLII. 8 Luzel 3, 395. 4 Oestrup, Damas p. 67. — Ein mallorkinisches Märchen endigt (Alcover 1, 252); Si vos agrada, menjaulavos frita, menjau- lavos torrada; si no us ha agradat, anau demunt es Puig pelat, y agafau un gatovell, y bones fregades per sa pell. 5 Arnason 2, 460 'Kolrassa' = Poestion S. 21. 38 Johannes Bolte. FFC 36 'Ich bin froh, dass ich zu Ende gekommen bin; jetzt muss ich einen Schluck schottisches Bier haben, da ich euch all diese Lügen erzählt habe.' Ganz in der Weise der mittelalterlichen Spielleute unterbricht auch wohl der pommersche Erzähler seinen Vortrag und nützt die Spannung der Zuhörer aus, um einen Trunk zu erlangen: 'Mir ist die Kehle auch schon ganz trocken; ich dächte, man gäbe mir, dass ich einen heben könnte; sonst muss die Geschichte hier ein Ende haben'. 1 Mit andern Gattungen der Volksdichtung, der Sage und der Ballade, hat das Märchen wichtige Eigenheiten des Aufbaus und des Stiles gemeinsam, die Axel Olrik 2 epische Gesetze genannt hat, wie die Wiederholung, die Dreizahl und das Achtergewicht, d. h. die Hervorhebung des dritten Bruders oder des dritten Versuches über die beiden ersten. Der hauptsächlichste Unterschied aber zwischen dem Märchen und der Sage besteht in ihrem andersgearteten Verhältnis zur realen Welt. 3 Während die Sage den Anspruch erhebt, Wirklichkeit zu geben, und von den Hörern Glauben verlangt, kümmert sich das Märchen, das diese nur unterhalten will, nicht um die Bedingungen irdischen Geschehens. Aus dieser Verschiedenheit ergeben sich dann noch andre. Die Sage klammert sich gleich der Efeuranke an geschichtliche Ereignisse und Personen oder an einen bestimmten Gegenstand aus der Umgegend, einen Berg, See, Baum, ein 1 Jahn, Volksmärchen 1, XI. Vgl. dazu F. Vogt, Leben der deutschen Spielleute im Mittelalter 1876 S. 22. 31 und Piper, Die Spielmannsdichtung 1, 15 (1887). 2 Olrik, Danske Studier 1908, 69—89 und Zs. f. dt. Altertum 51, I —12 (1909). M. Moe, Episke grundlove (Edda 2, 1. 233. 4, 85. 7, 72. 1914—17). Vgl. auch R. M. Meyer, Archiv f. Religionswiss. 10, 88 (1907) und A. van Gennep, La formation des legendes 1910 p. 277. 8 F. Panzer, Märchen, Sage und Dichtung 1905 S. 18. F. Ranke, Die dt. Volkssagen 1910 S. X f. FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 39 Gebäude an; das Märchen ist zeitlich und örtlich nicht gebunden und verzichtet meist sogar auf eine genaue Benennung seiner Personen. Die Brüder Grimm unterschieden ihre Märchen von vornherein (1812 S. XIII = \Y. Grimm, Kl. Sehr, t, 324) sehr bestimmt von den eigentlich lokalen Volkssagen, die an leibhafte Örter oder Helden der Geschichte gebunden sind, und bemerkten 1816 im Vorwort zu den Deutschen Sagen 1, V: 'Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer; jenes stehet beinahe nur in sich selber fest in seiner angeborenen Blüte und Vollendung; die Sage, von einer geringeren Mannigfaltigkeit der Farbe, hat noch das Besondere, dass sie an etwas Bekanntem und Bewussten hafte, an einem Orte oder einem durch die Geschichte . gesicherten Namen.' 1819 führt dies W. Grimm in der Einleitung zu den KHM 1, XXI (Kl. Sehr. 1, 333) weiter aus: 'Die geschichtliche Sage fügt meist etwas Ungewöhnliches und Überraschendes, selbst das Übersinnliche geradezu und ernsthaft an das Gewöhnliche, Wohlbekannte und Gegenwärtige, weshalb sie oft eckig, scharf und seltsam erscheint; das Märchen aber steht abseits der Welt in einem umfriedeten, ungestörten Platz, über welchen es hinaus in jene nicht weiter schaut. Darum kennt es weder Namen und Orte noch eine bestimmte Heimat, und es ist etwas dem ganzen Vaterlande Gemeinsames.' Ähnlich spricht J. Grimm in der Deutschen Mythologie 1844 S. XIV. Dazu stimmt, dass in den Grimmschen Märchen nur vereinzelt Ottsnamen aus der Nachbarschaft des Erzählers begegnen, wie Hohenfurt (nr. 82) und der Keuterberg (96), während Bremen (27), Hinterpommern (152), die Schweiz (33), das Rote Meer (88), Ostindien (137) offenbar nur irgend eine ferne, fremde Gegend bezeichnen sollen. ' Bei Basile freilich, dessen Erzählungen teils in der ' Doch vgl. E. Meier, Vm. aus Schwaben 1852 S. VIII. Die Insel Udröst bei Asbjörnsen, Huldreeventyr 1, 259 = Stroebe 2, 9 ist ein sagenhaftes Wunderland. i 40 Johannes Boi.tk. RFC 36 Umgegend von Neapel, teils in erfundenen Ländern spielen, in mallorkinischen, arabischen und indischen Märchen trifft diese Bestimmung nicht zu. ' — In der Sage erscheint ferner das Übersinnliche als ein Wunder, das seltsam und oft beängstigend in die Menschenwelt hereinragt; im Märchen verschmilzt es natürlich und unlöslich mit dem Sinnlichen und Alltäglichen. Daher klingt die Sage, in der die sittliche Weltordnung herrscht und jede Schuld bezahlt werden muss, so häufig ernst und herb aus, während das buntschillernde, heiterer Laune entspringende Märchen nicht lange bei der Strafe des Bösen verweilt, sondern einem erfreulichen Abschlüsse zustrebt. Nur in vereinzelten Fällen (Grimm nr. 41—43. 211) überwiegt auch im Schauermärchen der Hexen- und Menschenfresserspuk. — Der Stil endlich der Sage ist sachlich, kurz und klar; der Märchenerzähler dagegen gibt seiner Geschichte. eine möglichst anmutige Form und malt Nebenumstände behaglich aus. Dem Märchen verwandt ist der Schwank, der durch die Erzählung lustiger Streiche, unerhörter Dummheit, übermütiger Aufschneiderei, pfiffiger Diebereien und waghalsiger oder verfänglicher Liebesabenteuer ergötzen will. Wenn er dabei auch oft über die Grenzen der Wahrscheinlichkeit hinwegschreitet, so steht er doch der Wirklichkeit und der Gegenwart 2 näher als das Märchen, dessen Wunderglauben er manchmal parodierend überbietet, wie in mehreren Fassungen des tapferen Schneiderleins (Gr. 20. r83) und des Armen und des Reichen (Gr. 87; ferner oben 2 > 95- 5 11 ). oder zur Verdeckung eines Betruges ausnutzt, wie im Doktor Allwissend (Gr. 98), den klugen Leuten (104), 1 Benfey, Kl. Schriften 3, 158. F. v. d. Leyen, Das Märchen igjj S. 77. Schmidt-Kahle, Palästina S. 34* - Man darf hier vielleicht daran erinnern, dass manche Narren- und Schalksstreiche sich frühzeitig an den Namen historischer Personen wie des Pfaffen von Kaienberg, Eulenspiegels, Gonnellas, Nasreddins anhängten. FFC36 Name und Merkmale des Märchens. 41 der faulen Spinnerin (128) oder dem Mädchen von Brake] (139). Allerdings ist die Grenze zwischen diesen beiden seit alter Zeit in enger Verbindung stehenden Gattungen bisweilen schwer zu ziehen,, weil schwärrkhafte Züge je nach der Laune des Erzählers und der Beschaffenheit seines Hörerkreises in dem gleichen Stoff stärker oder schwächer hervortreten können. Auch Weber,' der sich eifrig bemüht, den Begriff des Märchens auf den des Zaubermärehens (conte merveilleux) einzuengen und im Anseht hl ss an einen Gedanken von J, G. von Mahn die Frauen als die alleinigen Schöpferinnen und Verwalterinnen des Märchenschatzes zu betrachten, sieht sieh genötigt, eine Mischgattung der S c h w a n k m ä rc h e 11 anzusetzen, der er 40 Nummern der Grimmschen Sammlung und 25 Tiermärchen desselben Werkes zuweist. Wie wenig aber die Brüder Grimm daran dachten, den Kreis ihrer Kinder- und Hausmärchen im Sinne dieser Kritikers zu begrenzen, erkennt man daraus, dass sie auch verschiedene Erzählungen aufnahmen, die in nahen Beziehungen zu Heiligenlegenden stehen, wie das Marienkind (Gr. 3), Bruder Lustig (8r), den Armen und den Reichen (87), die heilige Kümmernis (1573), den Meister Pfriem (178), die himmlische Hochzeit (209), von denen nur St. Kümmernis später unter die Sagen verwiesen wurde, und dass sie selbst ein episch ausgeweitetes Sprichwort (184), ein Rätsel (160) oder K i n de rliede r von märchenhaftem Gehalt wie den Jockei (72 ai, das Hausgesinde (140) J 1,. F. Weber, Märchen und Schwank, eine stilkritische Studie zur Volksdichtung, Diss. Kiel 1904; vgl. dazu Zs. Volkskunde 16, 446. Die Behauptung, eigentliche Märchen würden von Frauen, Schwanke von Männern erzählt, widerlegt Wisser, Plattdeutsche Volksmärchen S. XXV aus reicher Erfahrung. Ganz allgemein fasst Gunkel (Das Märchen im Alten Testament 1917 S. 2) den Begriff Märchen als poetische Erzählung. bEj W A?*"' / \ 5 ? 30 42 Johannes Bolte. FFC36 und das ditmarsische Lügenlied (159) nicht verschmähten. ' — Wir werden also am besten mit Aarne - die Märchen in die drei Gruppen der Tiermärchen, der eigentlichen Märchen und der Schwanke einteilen; die eigentlichen Märchen zerfallen wieder in Zauber-oder Wundermärchen, legendenartige, novellenartige und vom dummen Teufel oder Riesen handelnde Märchen. Wie sich die Grimmsche Sammlung unter diesem Gesichtspunkte darstellt, soll an späterer Stelle gezeigt werden. Wenn endlich die Brüder Grimm ihr Buch nicht wie Musäus und Frau Naubert Volksmärchen, sondern mit Aventin und Rollenhagen Kinder- und Hausmärchen (englisch Household and nursery Tales) betitelten, so erläuterten sie dies 1819 in der Einleitung S. XXI ( = Kl. Sehr. G 333) : Kindermärchen werden erzählt, damit in ihrem reinen und milden Lichte die ersten Gedanken und Kräfte des Herzens aufwachen und wachsen; weil aber einen jeden ihre einfache Poesie erfreuen und ihre Wahrheit belehren kann, und weil sie beim Haus bleiben und forterben, weiden sie auch Hausmärchen genannt. 1 Wenn «las Märchen bisweilen, sagt Benl'ey (Kl. Schritten 3, 1.59), durch sinnige, gedankenvolle oder andere höhere Bezüge über die Befriedigung des blossen Bedürfnisses der Unterhaltung hinausschreitet, so ist dies nicht Folge seines eigentlichen Charakters, sondern der Stoffe, welche ihm mit der Sage, der Legende, der Poesie im engeren Sinn usw. gemeinsam sind; auch lässt es die Stimmungen, die dadurch geweckt werden, nicht zu einer geistigen Befriedigung, zu einem Abschluss, zu einem Resultat gelangen: es ist dann zwar sinnig, aber ohne bestimmte Gedanken, gläubig, aber ohne bestimmt hervortretendes Objekt des Glaubens: kurz, alle an und für sich stabilen Momente, welche seinen Stoff bilden oder in ihn eingehen, werden von ihm verflüchtigt. 2 A. Aarne, Verzeichnis der Märchentypen 1910 (FF Communications 3). C 4 £