Johannes Bolte. FEC 36
wie das Beispiel der Scheherzad in 1001 Nacht zeigt, bei denarabischen Kalifen, sondern wird von Muhammed bin Ishäqan Nadim in seinem 988 geschriebenen Fihrist sogar aufAlexander den Grossen zurückgeführt: 'Der erste, der sichabends Märchen erzählen liess, war Alexander; es gab Leute,die darüber spotteten, aber er tat es nicht um des Vergnü-gens willen, das er beim Anhören dieser Märchen empfand,sondern um sich wach und aufmerksam zu erhalten. Diespäteren Könige bedienten sich zu diesem Zwecke desBuches der tausend Märchen, das tausend Nächte umfasst' '.In der Disciplina clericalis des spanischen Juden PetrusAlfonsi (um xno. Exemplum 12) lässt sich ein König injeder Nacht von seinem Fabulator fünf Geschichten erzählen.Auch in Russland wird im 12. Jahrhundert von einemreichen Manne berichtet, der sich vor dem Einschlafen vonseinen Dienern die Fusssohlen kitzeln und dazu 'Fabeln'erzählen liess. Der Zar Iwan der Schreckliche (t 1584)hielt sich zu diesem Zwecke drei blinde Männer; im 17.Jahrhundert gehörten solche Märchenerzähler (bachar, skazi-telj, skazocnik) zum Hofhalte der Zaren Michael und Alexej,im 18. zu dem der Kaiserin Elisabeth und vieler Edelleute.Oft waren es Leibeigene oder Kinderwärterinnen, doch gabes auch herumziehende Erzähler, Nachkommen der mittel-alterlichen Spielleute (skomorochi), die von den Bojarenauf ihre Höfe geladen wurden. 2 In zwei russischen Fassun-gen des Meisterdiebes s schleicht ein Dieb in das Schlaf-zimmer des Gutsherren oder Richters und übernimmt dieRolle des Märchenerzählers. Bei uns werden noch heutbegabte Erzähler, wie Ulrich Jahn aus Pommern und Bunker
1 Kitäb al Fihrist ed G. Flügel 1871—72, Buch 8; vgl. Jour-nal asiatique serie 3, t. 8, 176 (1839).
2 v. Löwis, Russische Volksmärchen S. X.
8 Afanasjev 2, 344. 347. Rudcenko 1, 191. Oben 3, 384 f.