FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 9
war ehedem, wie Jal' versichert, auf jedem Schiffe ein solcher'Conteur' zu finden. Als Lönnrot einen Finnen fragte,woher er soviel Märchen wisse, antwortete dieser, er habeJahre lang bei russischen und norwegischen Fischern amEismeer Dienste getan, und so oft der Sturm diese vomFischfang abhielt, hätten sie sich die Zeit mit dem Erzählenvon Märchen vertrieben. 2 Im Orient ist das Kaffeehausder Ort, wo die erwachsene männliche Bevölkerung solcheUnterhaltung findet. :! In Afrika hat der Reisende Stanleyaus den Erzählungen, mit denen sich seine schwarzenTräger abends am Lagerfeuer ergötzten, ein Buch zusam-mengestellt. '
Es gab eine Zeit, wo das Märchenerzählen einGewerbe war, das seinen Mann nährte, wie den Aretalogosund Fabulator des klassischen Altertums oder den Mimus,bei dem noch mimische und musikalische Künste hinzuka-men wie auch bei dem Spielmann des Mittelalters und demtürkischen Meddah 5 . Der altägyptische Pharao Hess sichzur Unterhaltung Geschichten erzählen' 5 . Die Sitte, sichdurch Märchen einschläfern zu lassen, bestand nicht bloss,
1 A. Jal, Glossaire nautique 1848 p. 507 und Scenes de lavie maritime 2, 77—115 (1832).
2 Schiefner, Archiv f. wiss. Kunde von Russland 22, 614.So vertreiben sich schon bei Ovid (Met. 7, 661) die durch widrigeWinde aufgehaltenen Gäste des Aeacus die Langeweile durchallerhand Geschichten.
3 G. Jacob, Türkische Bibliothek 4, 27. 69. Ausland 1857, 806.
4 H. M. Stanley, My dark companions (1893).
5 Pauly-Wissowa, Realencyclopädie 2, 670. Rohde, Der griech.Roman 2 S. 591. H. Reich, Der Mimus 1, 247. 320. 550 (1904).Reitzenstein, Hellenistische Wundererzählungen 1906 S. 7. Jacob,Türk. Bibliothek 1, 6 (1904). Vom mimischen Vortrage afrika-nischer Märchenerzähler handelt Meinhof, Die Dichtung der Afri-kaner 1911 S. 116. 131.
6 Spiegelberg, Demotische Studien 7, 26 (1914). Maspöro,Contes pop. 1911 p. 300.