FFC 36 Name und Merkmale des Märchens. 7
Unter einem Märchen verstehen wir seit Herder undden Brüdern Grimm eine mit dichterischer Phantasie ent-worfene Erzählung besonders aus der Zauberwelt, eine nichtan die Bedingungen des wirklichen Lebens geknüpfte wun-derbare Geschichte, die hoch und niedrig mit Vergnügenanhören, wenn sie diese auch unglaublich finden. Einst-mals hatte das Märchen seinen Platz in der höfischen wiein der bürgerlichen Gesellschaft, wenn sich die Hausgenos-sen um das lodernde Kaminfeuer scharten, um sich dielangen Winterabende zu verkürzen, wie beim alten Grand-gousier bei Rabelais und dem Bauer Robin bei Noel duFail. 1
Swer werdekeit will minnen,der lat dise aventiurein sinem hüs ze fiure,
sagt Wolfram im Willehalm 5, 4. Und schon ein Vers desalten Philosophen Xenophanes - weist auf solche Pflegstättendes Märchens: 'So etwas muss man zur Winterszeit amFeuer erzählen'. Desgleichen Bezeichnungen wie das mhd.abentmasrlin und Buchtitel wie Eslavas Noches de invierno,Wintersche Avonden, Shakespeares Winter's ta!e, WielandsWintermärchen, Souvestres Foyer breton und Au coin dufeu, Luzels Veillees bretonnes, Kennedys Fireside stories,Hydes Beside the fire, Tausendundeine Nacht, die Wärm-kasten-Geschichten (tandyr-name) der Türken 3 , SwynnertonsIndian nights' entertainments, Greiners Chinesische Abende,endlich Schilderungen solcher Unterhaltungen aus allenErdteilen 4 . Eine irische Erzählerin weigerte sich sogar,
1 Vgl. die Zeugnisse nr. 80. 81.
s Diels, Fragmente des Vorsokratiker I, 50 nr. 22: par pyriehre toiauta legein cheimonos en höre.
3 G. Jacob, Türkische Bibliothek 2, 3. 19.
4 Ludwig Salvator, Märchen aus Mallorca S. XX. PouquevilleVoyage dans la Grece 1820 2, 178. Buch, Die Wotjäken 1883S. 28. Oben 1, 53' '(Zwölfnächte). Radioff, Volksliteratur der
2