FFC36 _______ Name und Merkmale des'Märchens, _________ 5
Im 13. Jahrhundert freilich verstand man .bei uns unterm.ae r 11 n nur ein kleines maere 1 , eine, kurze Erzählung,die. zur Unterhaltung einer Gesellschaft vorgetragen wurdeund zumeist erfunden, der Phantasie entsprungen war;denn die gelegentliche Versicherung, dieses mserlin sei wahr,scheint eine Ausnahme zu bezeichnen und zeigt, dass manmit dem Ausdrucke nicht wie mit dem italienischen Wortenovella die Vorstellung einer heuen Begebenheit verband.Leicht erhält daher das Wort im Gegensatz zu wahrenBerichten über Tatsachen einen verächtlichen Sinn. 'Märlein'braucht Luther im Evangelium Lucä 24, 11 zur Wiedergabevon leros, törichtem Geschwätz, wo die Vulgata delira-nientum gesetzt hatte; ein andermal (Werke 21, 149, 22Weimar) redet er von J der Geuckler Mehrlin'. Ebenso ver-wendet 1525 der Schwabe Johann Eberlin von Günzburg 2als gleichbedeutende Ausdrücke: eyn tisch meerichen, e3'nunnütz geschwetz und eyn spitzfindige disputation, wobeiman zugleich die erst später allgemein durchdringende mit-teldeutsche Form 'Märchen' beachten mag. Sonst erschei-nen auch zusammengesetzte Worte in gleicher Bedeutung,wie sagemeere bei Reinbot, Königshofen und 1561 beiMaaler, lügemsere im Reinfried von Braunschweig, tandmärebei Wickram, entenmär und gensmär bei Hermann vonSachsenheim, tursenmär bei Konrad von Megenberg, endlichim 18. Jahrhundert Hexenmährgen als Verdeutschung desfranzösischen conte de fees. 3
1 Über mhd. Begriff von maere vgl. Schwietering, Singenund Sagen (Diss. Göttingen 1908) S. 48.
2 Eberlin, Sämtliche Schriften hsg. von Enders 3, 188 (1902).Vgl. noch J. P. Palthen, Tatiani Harmoniae ev. versio theotisca1706 S. 305: 'Fabella imperitorum credulitate pervulgata ein Mär-lein dicitur.' Schweizer. Idiotikon 4, 360: Märit, Märti. Rank, Ausdem Böhmerwald 1843 S. 154: Marel, Mal.
3 1749 erschienen zu Hamburg 'Drey neue Hexenmährgen'(Berlin Xy 2553), übersetzt aus Catherine de Lintots Contes de