2072
Die Keimung wird durch Licht begünstigt; doch kann dieser Einfluss auch durch Frost erreicht werden. NachG. Sennefeldner (Sitzungsberichte der k. Akademie der Wissenschaften, Wien. Bd. CXXI, 1912) tritt bei Vince«toxicum officinale nicht selten Polyembryonie auf. Sie wird dadurch hervorgerufen, dass aus den ersten, amGrunde entstehenden neuen Zellen infolge weiterer, unregelmässiger TeilungsVorgänge eine regellose Zellmasse(Vorkeimträger) entsteht, der mehrere Vorkeime hervorbringt. Diese Vorkeime stülpen sich wieder in dasEndosperm zurück, wo sie sich zu Keimlingen weiter entwickeln. In den reifen Samen finden sich ihrer meist1 oder 2, selten noch mehr. Derselbe Entwicklungsgang dürfte auch bei V. nigrum und V. medium vorliegen,wenngleich nach Chauveaud die Embryonen bei diesen Arten aus den Synergiden gebildet werden sollen.Der morphologische Aufbau der Pflanze ist von Wydler (Flora, 1S37) eingehend untersucht worden (Fig.3049abis c). Die Pflanze ist 1 »achsig. Von unten nach oben folgen auf die Niederblätter, in deren Achseln die dervegetativen Erhaltung dienenden Sprosse entspringen, die Laubblätter in 1 /ss + 1 ii Stellung und auf diese dieHochblätter in 8 /r, Stellung. Der Stengel endet mit der Gipfelblüte, deren Kelchblätter an die Hochblätter
anschliessen. Auf jedes Laubblattpaardes Stengels fallen 2 Zweige, von denenallerdings der eine oder auch beideunterdrückt sein können. Der an denStengelgliedern auftretende Haarstreifenbefindet sich dabei stets auf der Seitedes stärkeren Zweiges. Jeder fünfte Haar®streifen und der stärkere, dem erstenLaubblattpaare angehörige Zweig stehenam Stengel übereinander. Die Zweigedes obersten Laubblattpaares sind diestärksten. Ist nur einer derselben stärkerausgebildet, so stellt sich dieser senk,recht, drückt die Gipfelinflorenzens zurSeite und bildet scheinbar die Fort»Setzung der Hauptachse. Dieser neueGipfelzweig setzt sich nun aus ebenso«vielen voneinander abstammenden Ach«sen, als er Blütenstände besitzt, zu»sammen. Jede dieser Achsen bestehtaus 2 Teilen, einem unteren mit 2 laub»blattartigen Vorblättern versehenenund einem oberen, die Hochblätter undBlüten tragenden Teile. Die Vorblättersind vielfach beide fruchtbar; der kleinere Zweig entspringt dabei in der Achsel des ersten, der grössere indemjenigen des zweiten Vorblattes. Bisweilen ist nur ein Vorblatt fruchtbar und zwar stets das zweite.Die folgenden Vorblätter tragen meist nur einen Zweig in der Achsel des jeweils zweiten Vorblattes, so dassein Sympodium entsteht. Der Blütenstand wird von 3 bis 4 traubig gestellten (oft durch Verkümmerung derGlieder doldenähnlichen) Zweigen gebildet. Die Blüten sind gestielt und besitzen 2 Vorblätter-, sie stehen inSchraubein, wobei das erste Vorblatt Förderung aufweist. Die Blütenstände bilden zumeist Wickel, wobei daszweite Vorblatt Förderung zeigt.
Die Schwalbenwurz war früher eine beliebte Arzneipflanze und wurde in Gärten gezogen. Der bis 5 cmlange und bis 1 cm dicke Wurzelstock wurde nach Wein (Deutschlands Gartenpflanzen um die Mitte des 16. Jahr»hunderts. Beihefte zum Botan. Zentralblatt. XXXI, 1914) besonders gegen Pest, Vergiftungen, Herzklopfen, Wasser»sucht, als schweisstreibendes Mittel usw. verwendet. Auch in den Glossae Theodiscae wird diePflanze bereitserwähnt. Thal führt sie 1577 in seiner Harzflora an. Der Wurzelstock war später als Rhizoma Vince»töxici oder Radix Hirundinäriae 1 ), Schwalben«, Gift», Hundswürger« oder St. Lorenzkrautwurzel, Racin de Dompte»venin, Sore»Throat root offizineil und diente als harnförderndes und antiskrofulöses Mittel, als Emeticum, Anti»hydropicum, bei Pest, Schlangenbiss, hat aber gegenwärtig seine Bedeutung für den menschlichen Gebrauchfast ganz verloren. Beim Volke ist der Absud oder das Pulver bisweilen noch als abführendes, wasserzer«teilendes, selten auch brechenerregendes Mittel bekannt. In der Veterinärmedizin wird es zu gleichen Zweckenbei Pferden und Rindern angewandt. Die wirksamen Stoffe darin sind das Vincetoxitin, ein stark links
Fig. 3049. Vincetoxicum officinale Moench. a Aufbau des Laubsprosses.b Aufbau der Sprossspitze mit den Blütenständen, c Diagramm der letzten Blüten-standsverzweigungen. d bis / Milchsaftschläuche (nach H. W y d 1 e r).
') Unter diesem Namen (Hirundinaria, Schwalbenwurz) liegt die Pflanze auch im Herbar von H.Härder (1576/94).