1984
(als Hauptmerkmale kommen die Kelchzipfel in Betracht), zumal zwischen den als Arten unterschiedenenSippen (namentlich solchen, die einander geographisch ausschliessen) an der Berührungszone der Arealezahlreiche überleitende Zwischenformen auftreten, die teils als Bastarde, teils als nicht hybride Erzeugnisseaufgefasst werden.
Bildlich mag der Entwicklungsgang der saisondimorphen (nach Behrendsen saisondiphyletischen)Aufspaltung einer Endotrichen, wie er sich etwa bei G. campestris seit der Tertiärzeit abgespielt habendürfte, durch beifolgendes Schema veranschaulicht werden (Fig. 2958). Uebrigens sind gegen die von Wettastein und seiner Schule als artbildenden Faktor aufgestellten Theorie des Saisondimorphismus desöfteren berechtige Bedenken erhoben worden. So kommen die gegliederten Rassen nicht ausschliesslichauf Mähewiesen vor, sondern sehr häufig auf Weiden oder auf Streuewiesen (Molinieten), Waldlichtungenusw., die gar nicht oder sehr spät gemäht werden. Andererseits ist das Mähen mit der Sense nicht sehr alt.Dieses tritt erst in der Eisenzeit auf, und es fragt sich deshalb, ob der Zeitraum von der Eisenzeit bis zurGegenwart genügte, um eine derartige Trennung in die beiden saisondimorphen Formen unter völliger Ver-nichtung und Ausmerzung der dazwischen blühenden Formen durchzuführen. Zudem dürften die nicht oderspät gemähten Rasenbestände (Weiden und Streuewiesen) den ursprünglichen und den früher vielerortswohl allein herrschenden Wiesentypus darstellen. Nach C. Schroeter hat die Heuernte zu kurz, zu unregel.mässig und zu wenig allgemein gewirkt, als dass man sie einem natürlichen Selektionsfaktor gleichstellendürfte. Es kann sich wohl ebensogut um Mutationen handeln, die nicht erst einer Fixierung durch die Heu.ernte bedurften.
Von den in Mitteleuropa vorkommenden 35 als „Arten" behandelten Gentianen ist die grosse Mehr«zahl auf das Alpensystem beschränkt; sie stellen dort entweder weit verbreitete oder aber auf kleine Gebietelokalisierte, z. T. phylogenetisch sehr alte „Oreophyten" dar. Auch solche Arten, die entwicklungsgeschichtlichdem mitteleuropäisch.alpinen Element nicht angehören, wie G. asclepiadea, G. Cruciata, G. verna, G. utriculosa,fast alle „Arten" und Unterarten der Endotrichen (etwa mit Ausnahme von G. Austriaca, G. praecox, G. cam.pestris var. Baltica, G. Amarella subsp. uliginosa) sind im Alpengebiet oft so reichlich vertreten, dass sie ganzden Eindruck von alteingesessenen Formen machen. Nur verhältnismässig wenige Arten sind gleichzeitig demAlpenvorland und den Mittelgebirgen eigen, während in der Tiefebene die Zahl in einzelnen Gegenden auf 1bis 3 Arten herabsinken kann. So kommt im Gebiete des Niederrheins als einzig heimische Pflanze G. Pneu»monanthe in Betracht. In andern Gegenden von Norddeutschland kommen G. Cruciata und G. ciliata, sowieverschiedene Vertreter der Endotrichen hinzu. Verschiedene Arten sind als kalkstet (G. Clusii, G. angustifolia,G. Froelichii, G. Tergestina, G. pumila, G. Favrati, G. pilosa, G. Engadinensis und G. aspera) oder als kalkliebend(G. lutea, G. purpurea, G. Pannonica, G. Cruciata, G. asclepiadea, G. ciliata, G. campestris, G. Terglouensis)zu bezeichnen. Als kalkfliehend können G. brachyphylla, G. Kochiana, G. alpina, G. frigida, G. nana, G. ani.sodonta und G. ramosa bewertet werden, als i bodenvag G. punctata, G. prostrata, G. verna, G. Bavarica,G. nivalis, G. tenella). Einzelne Arten lieben Humus, und Moorboden, so viele Endrotrichen, ferner G. vernaund gelegentlich auch andere Arten.
Die Sektion Coelanthe mit 6 scharf getrennten Arten stellt eine alte Gruppe der Europäischen Hoch,gebirge dar, die wohl bereits in der Glazialzeit vorhanden gewesen sein dürfte. Damals wird auch G. purpurea ihreheutigen weit abgesprengten Areale im südlichen Norwegen und in Kamtschatka erreicht haben. Von den ein.zelnen Arten besitzen die kalkliebende G. lutea und die bodenvage G. punctata die grösste Verbreitung; immerhinfehlen sie z. T. in den östlichen Teilen der Alpen. G. purpurea (ebenso G. Villarsii) ist als westalpine Art (siereicht östlich bis ins Allgäu und bis ins östliche Tirol) zu betrachten, G. Pannonica als ostalpine Art (sie reichtwestlich bis zu den Churfirsten und bis in die Bergamaskeraipen). Eine ähnliche selbständige, auf die Euro«päischen Gebirge beschränkte Gruppe stellt die Sektion Thylacites dar mit 7 Arten; sie dürfte gleichfalls spät»tertiären Ursprunges sein. Aus einer solchen Urform werden sich in der Glazialzeit die gegenwärtigen 7 Arten, diemorphologisch und auch geographisch scharf geschieden sind, herausgebildet haben. G. Clusii und G. Kochianazeichnen sich durch regionalen Vikarismus aus. G. alpina ist eine Urgebirgspflanze der Westalpen, derPyrenäen und der Sierra Nevada und reicht östlich bis in den Tessin, G. angustifolia ist eine Kalkpflanze derWestalpen (siehe Fig. 2983). Von der Sektion Cyclostigma dürften sich die 3 für Mitteleuropa in Betrachtkommende Stämme während oder nach der Eiszeit weiter gegliedert haben, etwa nach folgendem Schema(Fig. 2059). G. Tergestina stellt jedenfalls eine verhältnismässig junge Rasse der G. verna dar, die sich imSüden der Alpen ausbildete, wo sie noch heute den Typus stellenweise vertritt. G. brachyphylla und G.Favrati sind beides Erzeugnisse der Pyrenäen und der Alpenkette; die erstere tritt mit Vorliebe auf Urgesteinaut, die zweite auf Kalkfels. G. pumila und G. Terglouensis sind Endemismen der südlichen Kalkalpen (dieletztere wird in einer besonderen Rasse, var. Schleichen, auch für die Südalpen der Schweiz und Italienangegeben). Gleichfalls ein selbständiges Erzeugnis der Alpen ist G. Bavarica, die auch dem Apennin undden Abruzzen zukommt, und die als Verwandte in den Westalpen und in den Pyrenäen die nahe stehende